Sebastian Hoeneß redete auf den Schiedsrichter ein, von den Rängen schallten Schimpftiraden über den „Schieber“ - und Torjäger Ermedin Demirovic rechnete wütend mit dem Videobeweis ab. Das wilde 3:3 des VfB Stuttgart mit zwei aberkannten Toren beim 1. FC Heidenheim befeuerte die große VAR-Debatte in der Fußball-Bundesliga.
Gleich drei Szenen lösten den Ärger beim VfB aus. „Ich glaube, der Schiedsrichter kann gar nichts mehr selber entscheiden“, kritisierte Demirovic. Referee Sascha Stegemann machte er zwar keinen Vorwurf, doch in seiner Generalabrechnung mit den Unparteiischen polterte der Stürmer: „Die sind nur noch darauf fokussiert, dass sie einer anruft über sein Telefon und wenn die dann noch schlafen im Keller oder eine andere Linie ziehen, dann finde ich es mittlerweile wirklich Quatsch.“
Die Wut des bosnischen Nationalspielers entlud sich insbesondere über sein zweites aberkanntes Tor an diesem Abend. Die Abseits-Szene der 74. Minute war strittig, weil es extrem knapp war. Und weil diskutiert wurde, ob die genutzte kalibrierte Linie beim falschen FCH-Spieler angelegt wurde.
„Und dann frage ich mich wirklich, wo wir gelandet sind, ob das dann wirklich die richtige Entscheidung ist, alles dem Computer zu überlassen“, schimpfte Demirovic. Wenn das stimme, „sollte man sich was einfallen lassen für so einen Müll, den wir da wirklich machen“. Es kursierten Bilder, die zeigten, dass Omar Traoré im Moment der Ballabgabe etwas näher zum eigenen Tor stand als Stefan Schimmer, bei dem die Abseitslinie aber gezogen wurde.
Doch laut der Position des Deutschen Fußball-Bundes entschied Stegemann nach Intervention des Kellers völlig zurecht auf Abseits. „Es war mitnichten so, dass ein Spieler übersehen wurde. Der Eindruck täuschte. Es ist alles korrekt gelaufen“, sagte Alexander Feuerherdt, Leiter Kommunikation und Medienarbeit der DFB Schiri GmbH.
Beim Anwenden der halbautomatischen Abseitslinie musste Hoeneß einräumen, nicht zu verstehen, was diese eigentlich bedeute. Die Technik soll dafür sorgen, dass Entscheidungen schneller getroffen werden können. Kameras sowie ein Sensor im Ball liefern umgehend Daten an den Video-Überprüfungsraum.
Die Debatte über den Video Assistant Referee (VAR) ist im deutschen Fußball ein Dauerproblem. Seit der Saison 2017/2018 wird er in der 1. Liga eingesetzt, seitdem bietet er Gesprächsstoff. Erst am Samstag hatte sich Dortmund über eine Szene im Topspiel bei RB Leipzig (2:2) aufgeregt, in der die Gäste Elfmeter forderten. Der Unparteiische pfiff nicht und wurde auch nicht zur Überprüfung der Szene an den Bildschirm geschickt.
Vor zwei Wochen gab es einen höchst umstrittenen Strafstoß beim Spiel zwischen dem FSV Mainz 05 und dem FC Augsburg (2:0). Auch da hatte der VAR nicht interveniert. Laut der Zahlen von DFB-Schiedsrichterchef Knut Kircher von vor einem Monat sind die Eingriffe des Videoassistenten in dieser Saison um 30 Prozent zurückgegangen.
Dennoch würde in der Bundesliga mancher den Videobeweis gern abschaffen. Doch die Befugnisse könnten in der kommenden Saison gar ausgeweitet werden. Dürfen auch eindeutig falsche Eckball-Entscheidungen und faktisch zu Unrecht gegebene Gelbe Karten, die zu Gelb-Rot führen, geprüft werden? Sollen auch dem falschen Team zugeordnete Karten korrigiert werden können? Darüber entscheiden am Samstag die internationalen Regelhüter.
VfB-Stürmer Demirovic hält den Schiedsrichter schon jetzt für „die ärmste Sau auf dem Platz, weil er nichts mehr entscheiden darf, nichts mehr entscheiden kann“. In Heidenheim stand der Videobeweis schon in der ersten Hälfte im Fokus. Stegemann hatte bei einem Heidenheimer Angriff zunächst nicht auf Strafstoß entschieden, im Gegenzug traf Demirovic zum vermeintlichen 2:1.
Erst danach schaute sich Stegemann die Bilder an, revidierte seine Entscheidung, erkannte den VfB-Treffer ab und gab den Strafstoß. Statt zu führen, lagen die Stuttgarter plötzlich hinten (34.). Die Entscheidung war aus DFB-Sicht unstrittig, weil Maximilian Mittelstädt Eren Dinkci am Knöchel traf.
Hoeneß sah das komplett anders und hatte kein Verständnis. „Dafür jetzt von außen zu intervenieren und zu sagen, das ist eine klare Fehlentscheidung, das geht nicht“, schimpfte der Coach. Er wollte zudem vor dem 3:2 des FCH kurz vor Schluss ein mögliches Foul an Ramon Hendriks gesehen haben. „Ich hätte mir gewünscht, dass er es direkt wegpfeift. Dann hätte ich mir gewünscht, dass er es sich zumindest anschaut“, so der Coach. Feuerherdt verteidigte jedoch das Vorgehen: „Es war völlig in Ordnung, das nicht als Foulspiel zu bewerten.“
Der VfB musste sich ohnehin auch an die eigene Nase fassen, dass er für die erhoffte Champions-League-Qualifikation erneut Punkte bei einem Abstiegskandidaten liegen ließ. Gastgeber-Coach Frank Schmidt äußerte einerseits Verständnis für den VAR-Unmut, wollte die Szenen aber nicht bewerten, weil er sie noch nicht angeschaut hatte. Er konstatierte: „Wir müssen ein gutes Spiel gemacht haben, sonst würden wir über die Dinge nicht reden.“
© dpa-infocom, dpa:260223-930-722378/2