Fastnacht in Franken 2025: Fränkische Ekstasen und schräge Satire | FLZ.de

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Veröffentlicht am 22.02.2025 11:11, aktualisiert am 22.02.2025 17:31

Fastnacht in Franken 2025: Fränkische Ekstasen und schräge Satire

Da wird es kurz ruhig und sentimental im Faschingstrubel: Viva Voce singt „Love Me Tender.” (Foto: Reinhard Zichy)
Da wird es kurz ruhig und sentimental im Faschingstrubel: Viva Voce singt „Love Me Tender.” (Foto: Reinhard Zichy)
Da wird es kurz ruhig und sentimental im Faschingstrubel: Viva Voce singt „Love Me Tender.” (Foto: Reinhard Zichy)

Sachen gibt es. Dass die vier Sänger von Viva Voce und Markus Söder sich einmal ähnlich sehen werden, hätte vor der Prunksitzung in Veitshöchheim niemand behauptet. Ist aber so. Den Söder-Ähnlichkeitswettbewerb hätte an diesem Abend dann David Lugert gewonnen, der Tenor der Ansbacher A-cappella-Band. Das Kostüm macht's. „Fastnacht in Franken” halt.

Der Fall ist der, ein Zufall vielleicht. Die Ansbacher standen als Elvis-Quartett auf der Bühne. Der bayerische Ministerpräsident saß frisch rasiert im Parkett als ... genau: als King. Was zu ihm passt, wie jeder weiß. Bange Frage: Macht er den Presley? Greift er zum Mikrofon? Wird er singen? Seit seinem Auftritt bei „Inas Nacht” hat er ja Geschmack daran gefunden, zumindest er.

Elvis Söder singt nicht

So weit geht King Söder dann doch nicht. Er überlässt das Singen denen, die es können – während der Prunksitzung jedenfalls. Was beruhigend ist, weil man sich darauf verlassen kann, dass bei den Voces jeder Ton sitzt. So ist es dann auch. Also kein Elvis-Söder-Solo.

Aber wer weiß, wann der Ministerpräsident wieder ins Tonstudio geht. Auf Instagram hat er es jedenfalls schon angekündigt. Was zu ihm auch passt. Auf Insta ist bei ihm sowieso das ganze Jahr über Fasching. Matthias Waltz, der in die Rolle eines Wahlkampfmanagers geschlüpft war, führte das sehr schön vor, indem er originale Söder-Videos einspielen ließ und vom Klavier aus besang, verbunden mit der Aufforderung, sich doch bitte lieber aufs Regieren zu konzentrieren.

Bundestagswahl war ein Thema

Überhaupt, die Politik. Der Wahlkampf und die bevorstehende Bundestagswahl zogen sich wie ein Faden, nicht unbedingt ein roter, durch das Programm. Ansonsten war es aber wie immer bei der „Fastnacht in Franken”. Seit je gehen hier Amateur-Auftritte und Profi-Entertainment, flache Witze, Reimerei und bissige Satire, Gardetanz und Evergreens, Verkleidungsunfug, Frankenlob und Oberpfalz-Frotzeleien eine sehr besondere Verbindung ein. Was nicht heißen soll, dass alles vorhersehbar ist. Es gab schon Überraschungen.

Die Künstler aus der Region hatten einen starken Anteil an ihnen. Die Westmittelfranken-Quote, man muss das mit regionalpatriotischem Stolz schon einmal festhalten, gerade bei einer Sendung, die vor Frankenstolz fast platzt, die Westmittelfranken-Quote also ist ordentlich hoch. Neun Künstler aus der Region tun an zentralen Stellen ihren närrischen Dienst, allen voran Christoph Maul.

Markus Söder als Elvis Presley. (Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)
Markus Söder als Elvis Presley. (Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Elvis vs. Taylor – die Kostüme beim fränkischen Fasching

Elvis Presley oder Taylor Swift? Schwarz oder Grün? Söder oder Schulze? Die bayerische Politik tobte sich bei der „Fastnacht in Franken“ kostümtechnisch aus.

Der Kabarettist aus Schillingsfürst führte zum dritten Mal durch das komplette Programm der Kultsendung. Die Routine machte sich positiv bemerkbar. Er wirkte so souverän wie noch nie. Christoph Maul gab nicht bloß den netten Gastgeber, sondern teilte mit Blick auf die versammelte Politprominenz auch aus, mal subtiler, mal schärfer. Von den FDP-Politikern verabschiedet er sich schon einmal halb und malte sich aus, dass Zeiten kommen könnten, wo nur noch die Gelben Säcke an diese Partei erinnern.

Für den Chef des Freistaats hatte der Chef des Elferrrats einen Auftrag. Wenn er wieder auf Olaf Scholz treffe, solle er ihm etwas ausrichten: „Die echten Hofnarren gibt es hier in Veitshöchheim.” Das war eine Anspielung darauf, dass der Bundeskanzler den Berliner Kultursenator Joe Chialo so genannt hat.

Besser platziert als im Jahr zuvor hatte der BR den Auftritt von Viva Voce. Die grandiose ABBA-Nummer der Ansbacher war 2024 ein allzu früher Höhepunkt. Dieses Mal gab es erst ein Vorspiel für den Elvis-Hauptakt.

„O sole mio” zum Aufwärmen

Zum Aufwärmen baute Viva Voce „O sole mio” als musikalischen Clinch aus. Italienisches Lied traf auf Rock ’n’ Roll. David Lugert im Frack, sängerisch irgendwo zwischen Enrico Caruso und Max Raabe, stimmte mit seinem Gondoliere-Background-Duo die Canzone an. Das Sängerglück hielt aber nicht lange. Ein rockiger Bass schob sich unter den Tenorschmelz. Heiko Benjes als Elvis Presley im roten Las-Vegas-Kostüm konterte mit einer anderen Art, das Lied zu interpretieren.

Zum Hauptakt kam dann der 90-jährige King – Elvis lebt, wie jeder weiß – am Stock auf die Bühne, eine rosa Cadillac-Attrappe rollte herein und Elvis hatte sich derweil wundersam verjüngt und vervierfacht (wenn man den King im Parkett nicht mitzählt). David Lugert, Bastian Hupfer, Andreas Kuch und Heiko Benjes rockten den Saal. Die Show-Anzüge und der Hüftschwung waren stilecht. Die Songs zündeten sowieso.

Der Gänsehautmoment der Voces

Die größte Kunst war die: Die Voces bescherten der Prunksitzung einen Gänsehautmoment. Bei „Love Me Tender” wurde es kurz ruhig und sentimental. Katharina Schulze, die Grünen-Fraktionschefin im Landtag, ließ Herz-Händchen zur Bühne pochen. Der Elferrat schunkelte mit. Beim nächsten Song gingen die Handys in die Höh' und verwandelten den Saal in ein Lichtermeer. Die Voces brachten ihr Publikum mit Elvis-Hits wieder in Wallung und zu stehenden Ovationen. Der Sitzungspräsident analysierte das danach messerscharf als „fränkische Ekstase” und erhob Ansbach zum „fränkischen Nashville”. Worauf man auch erst kommen muss.

Gankino Circus peppte die Prunksitzung mit musikalischer Anarchie auf. Die fabelhaft schräge Vier-Mann-Kapelle mit der Dietenhöfner Erdung drückte auf die Tube. Bei ihr liegen Kerwa-Lied und Rock 'n' Roll ganz nah beieinander. Eine einzigartige Qualität macht sie inzwischen eigentlich unverzichtbar für die Fastnachtsfeier in den Mainfrankensälen: Die vier ziehen eine selbstreflexive Meta-Satire-Ebene in den Abend ein – um es hochtrabend auszudrücken.

Simon Schorndanner, Ralf Wieland, Maximilian Eder und Johannes Sens parodierten das Faschings- und Vereinswesen in Grund und Boden. Sie setzten als Dietenhöfner Dudemänner in die Veitshöchheimer Prunksitzung die kleinste Prunksitzung der Welt hinein und boten obendrein den anderen Vereinen ihrer Gemeinde eine Plattform.

Valentinesker Humor

Ralf Wieland verlieh Maximilian Eder, dem Vorsitzenden des Metzgerhilfevereins Dietenhofen, den „Goldenen Rüssel”, einen Ehrenorden. Worauf Eder über Wurst und Braten so zwingend und verdreht philosophierte, dass Karl Valentin seine Freude daran gehabt hätte. Vom Geflügelzuchtverein Dietenhofen hatten die vier fränkischen Weltmusikanten eine Neuzüchtung für ihre erste Bauchrednernummer mitgebracht, den Herpel. Das freche Tier, eine Kreuzung aus Henne und Erpel, hatte kabarettistische Qualitäten und lud zum Ententanz ein. Und Johannes Sens war als trommelnde Weintraube ohnehin eine absurd komische Erscheinung.

Zum guten Schluss feierten alle Mitwirkenden eine Karne-Wahl-Party. Die vier von Gankino Circus brachten dafür ein Wahl-O-Mat-Männlein und eine Walnuss mit. Michl Müller hatte einen Aufblaswal im Arm, die Altneihauser Feierwehrkapell’n aus der Oberpfalz gab sich als Franken-Ri-Wahlen. Und einen weisen Rat ans Publikum hatten die gescheiten Narren auch: Wähle mit Bedacht.


Thomas Wirth
Thomas Wirth
Redakteur im Ressort „Kultur“
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