Als die Vorstände des TSV 1860 München vor ein paar Tagen den wartenden Fans den Absturz in die Regionalliga verkündeten, hatte Eric Weeger ein Déjà-vu. „Fast bis aufs Wort genau war das so wie 2017”, sagt der ehemalige Löwen-Profi aus Wolframs-Eschenbach, der seit 2020 für die SpVgg Ansbach am Ball ist.
Heiratsfeiern ziehen sich ja manchmal etwas hin, da ist es gut, wenn Gesprächsstoff vorhanden ist. Für den sorgte der TSV 1860 auch bei der Vermählung von Marco Hiller, die dieser Tage in Italien gefeiert wurde.
Weeger war bei seinem ehemaligen Münchner Teamkollegen Trauzeuge und bildete gemeinsam mit Felix Weber (aktuell DJK Vilzing) und Felix Bachschmid (Wacker Burghausen) eine Clique ehemaliger Löwenspieler, die den Absturz damals miterlebte – und bewältigte.
Was den Spielern des TSV 1860 jetzt so durch den Kopf geht, kann Weeger sehr gut nachvollziehen. Der Abwehrspieler war damals im Nachwuchs der Löwen aktiv, erlebte den Abstieg der ersten Mannschaft aus der zweiten Liga in der Relegation und die folgende Lizenzverweigerung für die dritte Liga mit. So landeten die Münchner 2017 in der Regionalliga. „Da hat man sich gefragt, was sein Vertrag noch wert ist“, erinnert sich Weeger.
Mit Spielern aus dem Nachwuchs und der zweiten Mannschaft, die eben die Vizemeisterschaft in der Regionalliga erobert hatte, startete 1860 neu. Mittendrin: Eric Weeger, der 2011 nach München gewechselt war und nun Stammspieler als rechter Außenverteidiger wurde. Unter dem Jubel der zahllosen Fans, die den gastgebenden Teams einen fetten Zahltag bescherten (allein 5000 Zuschauer waren es beim FC Memmingen) siegte sich 1860 mit Trainer Daniel Bierofka zum Titel und schaffte dann gegen den 1. FC Saarbrücken den Aufstieg in die 3. Liga.
Mit 12000 Fans im Grünwalder Stadion einen Sieg zu feiern, das sind für Weeger, der mit der U19 der Münchner als Kapitän das Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft erreicht hat, die bis heute prägenden Erlebnisse seiner Laufbahn. Ein Tattoo (up – oben) erinnert dauerhaft an den Aufstieg 2018.
Hasan Ismaik war damals schon mit im Boot bei 1860. Kontakt hatte Weeger mit dem umstrittenen Investor aus Abu Dhabi trotz neun gemeinsamer Jahre bei den Löwen kaum. Hier mal eine kurze Rede zu einem besonderen Anlass, dort eine großzügige Spende für die Mannschaftskasse, mehr Nähe war zwischen Geldgeber und Team nicht drin. Über die Motive von Ismaik, dem Verein diesmal das für die Drittliga-Lizenz notwendige Geld ganz kurzfristig nicht bereitzustellen, kann Weeger nur spekulieren. Aber er ist sich sicher: „Blöd ist der Mann nicht”.
Spekulation ist auch, welche Rolle 1860 in der neuen Saison spielen kann. „Damals hatten wir Leute mit Bundesligaerfahrung wie Sascha Mölders im Team und viele, die in der Regionalliga schon erfolgreich waren”, sagt Weeger. Wenn nun wieder die zweite Mannschaft das Gerüst der nächsten Münchner Neustart-nach-Absturz-Elf stellen soll, sind das Bayernligaspieler. „Es ist schon der Wahnsinn, was da bei 1860 abgeht”, findet Weeger. Aktuelle Interna kann der angehende Physiotherapeut nicht ausplaudern. Kontakte abgesehen von der alten Clique sind nach all den Jahren eingeschlafen.
Es ist ein Trauerspiel ersten Ranges.
Dass er im Herbst seiner Karriere in der gleichen Liga spielt wie der Verein, der ihm einst einen Profivertrag bescherte, das hätte sich der 29-Jährige nicht träumen lassen. Und wird bestimmt auch Thema sein, wenn er am Samstag, 13. Juni, mit den Ansbacher Kollegen in die Vorbereitung auf die neue Spielzeit einsteigt.
„Es ist ein Trauerspiel ersten Ranges”, sagt Friedrich Zinnecker, „wir im Fanclub schwankten zunächst zwischen Auflösung und Jetzt-erst-recht-Stimmung. Mittlerweile ist die Mehrheit der Meinung, dass wir auch das gemeinsam durchstehen werden”. Der 74-jährige Langfurther ist schon so lange ebenso inniglich wie leidgeprüft Fan des TSV von 1860, dass er sich sogar noch genau an das Jahr 1982 erinnern kann. Auch damals ging es nach einem Lizenzentzug in die Amateurliga nach unten, es folgte ein Durchmarsch bis in die erste Liga. Chancen auf ein derartiges Comeback sieht Zinnecker aufgrund der „ewigen Misswirtschaft” im Lieblingsclub derzeit nicht. Zudem fragt er sich, warum es in einer Stadt wie München nicht gelingt, die für die Drittliga-Lizenz notwendigen Gelder, die Rede ist von 2,7 Millionen Euro, aufzutreiben.
Vom Unglück anderer zu profitieren, ist grundsätzlich ein wenig unangenehm, aber klar ist, dass der Abstieg der Löwen für die Regionalliga-Vereine in wirtschaftlicher Hinsicht ein großes Glück ist.
„Einmal ein volles Haus mehr”, freut sich Andreas Görmer, Vorstand Finanzen bei der SpVgg Ansbach. 4011 Zuschauer, diese Kapazität hat der Xaver-Bertsch-Sportpark offiziell nach Fertigstellung der neuen Gegengerade, sollte der Traditionsverein aus München schon locken, meint Görmer, wobei er einen nicht geringen Teil der Einnahmen gleich an das Securityunternehmen weiterreichen kann, das auch dieses Heimspiel absichern muss.
Der TSV 1860 München dürfte insgesamt die Aufmerksamkeit und die Zuschauerzahlen für die Regionalliga Bayern erhöhen, was die vor allem im Vergleich mit den vier anderen Regionalligen in Deutschland gut gebrauchen kann.