„Es ging immer um Ehre”: Zeuge belastet Bruder im Doppelmord-Prozess in Ansbach | FLZ.de

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Veröffentlicht am 22.05.2026 18:00

„Es ging immer um Ehre”: Zeuge belastet Bruder im Doppelmord-Prozess in Ansbach

Beim Doppelmord-Prozess mussten in der Verhandlungspause weitere Justizvollzugsbeamte hinzugeholt werden, um Streit zu schlichten. (Foto: Irmeli Pohl)
Beim Doppelmord-Prozess mussten in der Verhandlungspause weitere Justizvollzugsbeamte hinzugeholt werden, um Streit zu schlichten. (Foto: Irmeli Pohl)
Beim Doppelmord-Prozess mussten in der Verhandlungspause weitere Justizvollzugsbeamte hinzugeholt werden, um Streit zu schlichten. (Foto: Irmeli Pohl)

Der Prozess um einen Doppelmord im Irak am Landgericht Ansbach läuft weiterhin hitzig – und zeit- und kostenintensiv. Im Sitzungssaal und auch außerhalb wird gestritten, das Verteidigerduo reicht Antrag um Antrag ein und ein Polizist, der extra aus dem Irak eingeflogen wurde, fragt, ob er ein Video von seiner Zeugenaussage haben kann.

Aber von Anfang an: Einem 36-Jährigen aus dem Landkreis Ansbach wird vorgeworfen, bei einem Urlaub im Irak seinen Vater und seine Schwester im Schlaf erschossen zu haben. Dies würde Heimtücke und damit Mord bedeuten. Auch das Mordmerkmal Habgier steht, zumindest was den Vater angeht, im Raum. Vor Gericht schweigt der Angeklagte mit deutsch-irakischer Staatsangehörigkeit. Und sein Verteidigerduo, bestehend aus Julia Weinmann und Dr. Wolfgang Staudinger, versucht seit dem ersten Prozesstag, alles abzuschmettern – mit viel Durchhaltevermögen.

Hat ein Mann aus dem Landkreis Ansbach seinen Vater und seine Schwester ermordet? Mit dieser Frage befasst sich die Große Strafkammer um den Vorsitzenden Matthias Held (Mitte). (Foto: Daniela Ramsauer)
Hat ein Mann aus dem Landkreis Ansbach seinen Vater und seine Schwester ermordet? Mit dieser Frage befasst sich die Große Strafkammer um den Vorsitzenden Matthias Held (Mitte). (Foto: Daniela Ramsauer)

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So beantragen sie zum Beispiel, einen Irak-Experten aus Berlin hinzuzuholen. Der Grund: Nach Ansicht der Verteidigung könnte zumindest der Vater des Angeklagten auch von einem politischen Gegner getötet worden sein. Schließlich war er in einer Partei aktiv. Außerdem gibt Weinmann bekannt, dass sie noch mehrere Personen aus dem Irak als Zeugen hören möchte und dies auch beantragen wird.

Während sie das Motiv in eine politische Richtung lenken möchte, führt die Verteidigerin an anderer Stelle aber auch ein ganz anderes Argument an: So erklärt sie, dass weibliche Familienmitglieder im Irak seit November 2025 keinen Erbanspruch mehr hätten. Für sie ist klar: Ein Motiv für den Mord im Juli 2025 haben also nur die Mutter oder Schwester, wenn Habgier aufgeführt wird.

Immer wieder werden vor Gericht Video- und Audioaufnahmen gezeigt. Was darin zu hören ist, belastet den Angeklagten schwer. So etwa Aussagen, die seine Mutter als Zeugin eindeutig ihm zuordnet; in denen sie seine Stimme erkennt. Sätze wie: „Ich sagte meinem Vater, ich töte das Mädchen.“

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Mit dem Abspielen der Dateien ist die Verteidigung nicht einverstanden. Also legt sie einen über dreiseitigen Widerspruch ein, der die Verwertung der Videos im Prozess verbieten soll. Die Begründung: Es sei unklar, wer die Aufnahmen erstellt hat, wann sie erstellt wurden, ob sie vielleicht künstlich hergestellt wurden, und so weiter.

Mehrere Familienmitglieder haben den 36-Jährigen im Gerichtssaal bereits belastet. Auch sein jüngerer Bruder sagt, dass der Angeklagte oft „aggressiv unterwegs” war. „Er hatte immer diese Mentalität, es ging immer um Männlichkeit und Ehre.” Und der Zeuge sagt auch, sein großer Bruder „hat auf Gott geschworen, dass er unserem Vater das Leben nehmen wird”. Der Getötete sei in den Irak gereist, weil die Schwester dort allein wohnte „und als Frau allein im Irak ist es nicht einfach”. Er wollte sie hierherholen. Doch, so ist der jüngere Bruder überzeugt, wurden diese Pläne durchkreuzt.

„Mein Leben ist zerstört und auch das von der ganzen Familie. Es macht keinen Sinn, weiterzuleben”, sagt er. Dass er seinen Bruder für den Täter hält, und dass da Wut ist, das spürt man spätestens in der Verhandlungspause, als beide vor dem Saal aufeinandertreffen. Plötzlich ist Geschrei zu hören, wohl eine Auseinandersetzung. Verteidigerin Weinmann fordert, weitere Justizvollzugsbeamte hinzuzuholen. Die kommen dann auch, schlichten. Doch als es im Gericht weitergeht, ist die Lage trotzdem angespannt. Mehrmals unterbricht die Verteidigung den Vorsitzenden Richter Matthias Held. Der wiederum fährt aus der Haut.

Ein 36-Jähriger muss sich am Landgericht Ansbach wegen eines Doppelmords im Irak verantworten. Der Angeklagte sitzt seit fast einem Jahr in Untersuchungshaft. (Foto: Johannes Hirschlach)
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Auch Fotos der Leichen spielen eine Rolle. Denn die Rechtsmediziner können die Lage nur anhand von Fotos und der Arbeit ihrer irakischen Kollegen beurteilen. Der Angeklagte schaut nicht hin, wenn die Bilder gezeigt werden: seine Schwester und sein Vater, erschossen, mit starrem Blick. Der Boden ist voller Blut, drei Schüsse pro Opfer. Die Fäuste haben die beiden nach oben gehoben. Wollten sie sich wehren? Sich schützen?

Einfach ist es nicht, zu sagen, wie die Schüsse abgegeben wurden und wo. Aber Rechtsmediziner Prof. Dr. Thomas Kamphausen ist überzeugt: Die Schwester des Angeklagten ist an einem aufgesetzten Kopfschuss gestorben. Der Täter muss die Waffe also direkt auf ihre Stirn gehalten haben, das ergeben die Spuren, die Einschusslöcher.

Beim Vater kann er es nicht ganz sicher sagen. Für weitere Infos zum Gutachten ist extra eine Ärztin eingeflogen worden, um von der Obduktion zu berichten. Ihre Schilderungen helfen dem Sachverständigen; vor allem aber die von ihr mitgebrachten Fotos der toten Körper, die er teilweise vorher noch nicht gesehen hatte. Kamphausen erklärt aber auch, dass die ganzen Untersuchungen im Irak wohl ganz anderen Standards als den hiesigen entsprechen.

Anders läuft dort auch die Polizeiarbeit, das wird klar. Als Zeuge ist nämlich der Hauptermittler eingeflogen worden. Es sei im Irak üblich, so wird seine Aussage von einer Dolmetscherin aus dem Arabischen übersetzt, dass die Leute zum Tatort „hingehen und schauen, noch bevor die Polizei kommt”. Die Polizisten haben die Leute dann „mit Gewalt rausgeschmissen”, sagt er.

Ob jemand auch an den Leichen war, vielleicht etwas am Tatort verändert hat, weiß er nicht. Fakt ist, dass ein Schaulustiger ein Video der Toten auf sozialen Medien verbreitet hat. Weiter erzählt der Polizist, dass die Familie Probleme hatte und Vater und Sohn sich kurz vor der Tötung gegenseitig wegen Bedrohungen angezeigt hatten.


Anna Beigel
Anna Beigel
Redakteurin in Ansbach
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