Die Arbeitsweise der Archäologie hat sich verändert: Ausgrabungen sind die Seltenheit. Die Angst, wertvolle Bodendenkmäler dabei in Mitleidenschaft zu ziehen, ist zu groß. Doch am Limeseum in Ruffenhofen (Landkreis Ansbach) wird jetzt eine Ausnahme gemacht: Bei Bohrungen wurden Holzreste gefunden, die den Wissenschaftlern Rätsel aufgeben.
Versteckt hinter einer Hecke ragt auf einer Wiese ein weißes Zelt auf. Daneben stehen ein Fahrzeug und ein Tisch, auf dem archäologische Utensilien liegen. Junge Leute in Arbeitskleidung haben die Hüte tief ins Gesicht gezogen. In schmutzigen Funktionsjacken und Wanderschuhen graben sie konzentriert in einer abgesteckten Fläche von vier mal vier Metern. Es sind Studierende der Universität Leipzig.
Als „seltene Ausnahme“ bezeichnet Dr. Matthias Pausch, der Leiter des Limeseums, ihren Einsatz. Denn im Römerpark in Ruffenhofen finden archäologische Untersuchungen äußerst selten statt. Die letzte war 2005. Die Denkmäler im Boden, wie das Reiterkastell, Badehäuser und weitere Bauten der Römer, die hier einst siedelten, werden bewusst nicht angerührt. So sollen sie für künftige Generationen im Boden konserviert werden.
Dass nun doch wieder einmal gegraben wird, ist dem Fund von Holzresten geschuldet. Sie wurden im Jahr 2022 bei Bohrungen entdeckt. Auf Karten, die durch Magnetiktechnik erstellt wurden, entdeckte man deutliche Hinweise auf Pfostenlöcher, die auf eine größere hölzerne Struktur schließen lassen.
Matthias Pausch und Dr. Caroline von Nicolai von der Universität Leipzig sind sich sicher: Es handelt sich um eine massive Holzkonstruktion, die schätzungsweise 60 bis 70 Meter lang war. Die Pfosten standen in gleichmäßigen Abständen parallel zueinander, insgesamt 28 an der Zahl.
Die Konstruktion könnte mit einem Dach und Mauerwerk versehen gewesen sein. „Über die Raumaufteilung und das Aussehen des Daches können wir derzeit noch nichts Konkretes sagen“, erklärt Matthias Pausch. Ideen, welchen Zweck das Gebäude einst hatte, gibt es aber bereits. Eine Möglichkeit wäre, dass es sich um ein temporäres Militärlager handelte. „Es könnte alles Mögliche gewesen sein, von einer kurzzeitig genutzten Mannschaftsbaracke bis hin zu etwas völlig anderem.“
Dem Museumsleiter zufolge ist das Holz in den vergangenen Jahrhunderten trotz klimatischer Einflüsse sehr gut erhalten geblieben. Warum das so ist? Unter anderem das soll bei den Grabungen herausgefunden werden. Die Erkenntnisse sollen dazu beitragen, die Wirkung des Klimas auf den Erhalt von historischen Funden besser zu verstehen.
Ausschlaggebend für eine genauere Bestimmung des Gebäudes wird die Datierung der Holzreste sein. So lässt sich herausfinden, ob das Gebäude noch vor dem Bau des benachbarten Römerkastells errichtet wurde oder erst danach.
Die Ausgrabungen in Ruffenhofen dienen für die Universität Leipzig als Lehrgrabung, also eine Grabung, bei der Studierende eigene Forschungen durchführen können. Die Bohrergebnisse vor zwei Jahren waren der Auslöser dafür, dass Dr. Matthias Pausch die tiefergehende Untersuchung der Stätte veranlasste und in Leipzig anfragte. Die Studierenden waren begeistert von der Möglichkeit, in Ruffenhofen praktische Erfahrungen zu sammeln. „Wir sind sehr dankbar dafür“, sagt von Nicolai. Denn die Grabung bietet den Studierenden die perfekte Gelegenheit, ihre theoretischen Kenntnisse in der Praxis anzuwenden.
Die angehenden Archäologen kommen aus verschiedenen Studienrichtungen. Manche studieren allgemeine archäologische Wissenschaften, andere spezialisieren sich beispielsweise auf Numismatik, die Wissenschaft der Münzen. Gemeinsam haben sie alle die Motivation, an möglichst vielen Grabungen teilzunehmen. „Für das weitere Studium und den späteren Beruf ist diese Erfahrung von unschätzbarem Wert“, sind sich die Studierenden einig.
Ein überraschender Fund ereignete sich während der laufenden Grabung: Die Forscher stießen erneut auf Holzreste. Um diese zu sichern, wurde die Stelle vorübergehend abgedeckt und die aktuelle Grabung unterbrochen. Eine erste Analyse der Holzproben deutet auf Kiefernholz hin, erklärt Pausch. Inzwischen hat das Team aus Leipzig seine Arbeit wieder aufgenommen.