Ein neues Projekt arbeitet 25.000 NS-Verbrechen auf | FLZ.de

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Veröffentlicht am 06.05.2025 18:50

Ein neues Projekt arbeitet 25.000 NS-Verbrechen auf

Historische Aufnahme der zerstörten Synagoge in Feuchtwangen aus dem Jahr 1939. (Repro: Erich Herrmann)
Historische Aufnahme der zerstörten Synagoge in Feuchtwangen aus dem Jahr 1939. (Repro: Erich Herrmann)
Historische Aufnahme der zerstörten Synagoge in Feuchtwangen aus dem Jahr 1939. (Repro: Erich Herrmann)

Die Zahl der Verbrechen war ungeheuer groß. Sie waren oft äußerst grausam. Viele Bürger wurden zu Tätern. Noch mehr schauten „nur“ zu, ohne einzuschreiten. Doch inzwischen ist die alltägliche Kriminalität im NS-Regime immer weniger im öffentlichen Bewusstsein. Eine „App gegen das Vergessen“ soll das ändern.

Was sind Beispiele für „Alltagsverbrechen“ in Westmittelfranken während der Naziherrschaft? Im Rahmen des vom Bundesfinanzministerium geförderten Vorhabens wird diese Frage beantwortet. Durch das Projekt „Digitaler Atlas NS-Verbrechen“ sollen, so eine Pressemitteilung, „über 25.000 Verbrechen an rund 8000 Orten abrufbar sein, die nach 1945 juristisch verfolgt wurden und in Gerichtsakten verzeichnet sind“. In rund 3000 Fällen geht es um die Novemberpogrome 1938.

Die kostenlose App enthält kurze Tatbeschreibungen und Fundstellen in den Archiven. Für alle Interessierten verfügbar ist die App ab Donnerstag, 8. Mai, dem 80. Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht.

Weitere Tatkomplexe sollen hinzukommen

Der FLZ wurden auf Anfrage vorab westmittelfränkische Beispiele für Taten während der Novemberpogrome 1938 übermittelt. Projektleiter Wolfgang Hauck und Katharina Erlenwein, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit, erläuterten, dass weitere Tatkomplexe hinzukommen: zum Beispiel Euthanasie, also der Massenmord insbesondere an psychisch Kranken, Denunziation, Massenvernichtung und die Morde an Bürgern, die sich in der Endphase des Dritten Reichs gegen eine sinnlose Verteidigung ihrer Heimatorte engagierten.

Das Grauen der NS-Herrschaft war spätestens bei den Novemberpogromen 1938 auch in Westmittelfranken für niemanden mehr zu übersehen. Dies verdeutlichen Gerichtsakten zu den Feuchtwanger Pogromen, wobei es auch in dieser Stadt schon vor der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 zu Attacken auf jüdische Bürger kam.

Das Oberlandesgericht Nürnberg stellte dazu nach dem Krieg fest: „Am 20.12.1937 rottete sich vor den Häusern der Juden von Feuchtwangen eine etwa 400 Personen zählende Menge – von HJ-Angehörigen und Zivilisten – zusammen, und forderte die Vertreibung der Juden. Die Polizei nahm die Juden Ernst Holzinger, Gabriel, Abraham und Manfred Gutmann, Leo Neumann und Siegfried Eppstein in Schutzhaft. Bei der Verhaftung von Eppstein wurde eine Tür eingedrückt, er wurde von der Menge mit Schnee beworfen und geschlagen.“

Feuchtwanger Synagoge stand in Flammen

In der Nacht zum 10. November 1938 stand dann, wie an vielen Orten in Deutschland, auch in Feuchtwangen die Synagoge lichterloh in Flammen. Aktenkundig wurde: „In der Pogromnacht brannten die Täter die Synagoge von Feuchtwangen nieder. Sie war nicht mehr für Gottesdienste benutzt worden, sämtliche Kultgegenstände waren bereits am 7.6.1938 entfernt und auf Bitten der Israelitischen Kultusgemeinde München einem jüdischen Lehrer nach Marktbreit gegeben worden. Den Befehl zur Brandstiftung gab SA-Standartenführer König aus Nürnberg. Die Täter holten Stroh und übergossen es mit Petroleum. Die Feuerwehr verhinderte das Übergreifen des Brandes der Synagoge auf andere Häuser.“ Im Jahr 1939 wurde die Feuchtwanger Synagoge abgerissen.

In Ansbach rettete die Synagoge dagegen offenbar die Tatsache, dass auch dort in der eng bebauten Altstadt ein Übergreifen der Flammen auf andere Häuser drohte. In den entsprechenden Akten des Gerichts Nürnberg-Fürth wird zudem deutlich, dass auch in Ansbach das Wüten des Nazimobs koordiniert und, zumindest teilweise, geplant war.

Befehl zum Anzünden vom NSDAP-Kreisleiter

So wurde nach dem Krieg aktenkundig: „Der NSDAP-Kreisleiter befahl, die Synagoge anzuzünden. Er gab ferner dem Hauptmann der Schutzpolizei den Befehl, sich von der Aktion völlig fernzuhalten. Die freiwillige Feuerwehr erhielt den Befehl, einen Löschzug nahe der Synagoge bereitzustellen. Die zwei mit der Brandstiftung Beauftragten drangen in die Synagoge ein, zerschlugen Teile des Gestühles, schichteten einen Haufen mit Gebetbüchern und Thorarollen auf. Der NSDAP-Kreisleiter traf mit dem Hauptmann der Schupo Hauenstein in der Synagoge ein und zündete die Holzstapel in und vor der Synagoge an und befahl der Feuerwehr kurz darauf, das Feuer zu löschen.“

Gaustabsleiter König, so die Akten, befahl, die Juden in „Schutzhaft“ zu nehmen, und zwar in der Rezathalle, „ihre Wohnungen zu zerstören und die Synagoge in Brand zu setzen“.

Auch in Windsbach wurden zahlreiche Juden verhaftet, nachdem ein Mob von etwa 40 Personen vor dem Rathaus entsprechende Befehle erhalten hatte. Jüdische Anwesen wurden verwüstet und die Inneneinrichtung der Synagoge völlig demoliert. Plünderungen begannen, so die Gerichtsakten, nachdem der NSDAP-Ortsgruppenleiter geäußert habe: „Das Eigentum der Juden ist freigegeben.“

App steht ab 8. Mai bereit

In Burghaslach wurde ebenfalls die Synagoge angezündet, aber dort wurde das Feuer wie in Ansbach nach kurzer Zeit gelöscht. Die Attacken auf die jüdischen Bürger und deren Hab und Gut ähnelten denen andernorts: „Zerstörungen in allen Wohnungen der jüdischen Familien fanden am Vormittag des 10.11.1938 statt. Eine Ausnahme bildete die Wohnung der Jüdin Bernheimer, die ein Täter kurz darauf kaufte und der offenbar aufgrund seiner Kaufabsichten eine Zerstörung zu verhindern wusste.“

Federführend bei der Verwirklichung des Projekts ist der Verein dieKunstBaustelle in Landsberg am Lech. Gefördert wird es auch von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft. Infos zum Projekt gibt es unter https://nazicrimesatlas.org im Internet. Die App wird ab 8. Mai im Apple-Store bereitstehen, wohl kurz darauf auch im Google Play Store.


Von Kurt Güner
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