Ein Baum und seine Reise in das Herz der Altstadt von Rothenburg | FLZ.de

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Veröffentlicht am 04.11.2025 17:42

Ein Baum und seine Reise in das Herz der Altstadt von Rothenburg

Der Baum an der Ecke Wenggasse und Untere Schmiedgasse auf dem Weg zum Marktplatz. (Foto: Margit Schwandt)
Der Baum an der Ecke Wenggasse und Untere Schmiedgasse auf dem Weg zum Marktplatz. (Foto: Margit Schwandt)
Der Baum an der Ecke Wenggasse und Untere Schmiedgasse auf dem Weg zum Marktplatz. (Foto: Margit Schwandt)

Noch in diesem Monat wird der Reiterlesmarkt eröffnet. Mitten drin: Eine Tanne aus der Bleiche.

Stadtförster Daniel Gros ist am Dienstagmorgen bereits um 7.05 Uhr vor Ort, wartet auf die Mitarbeiter des Bauhofs. Inzwischen hat sich Ralf Schuster zu ihm gesellt. Er hat gemeinsam mit seiner Frau das Haus in der Bleiche gekauft und wohnt seit wenigen Wochen dort. Die Tanne ist mächtig geworden, ragt mit ihren etwa 18 Metern Länge majestätisch in die Höhe.

Für das Grundstück ist sie inzwischen allerdings ein wenig zu groß und sie wirft ihren Schatten auf das Haus. Ralf Schuster ist Wirtschaftsinformatiker, arbeitet bei IBM, oft von zu Hause aus. Er möchte Solarmodule auf dem Dach aufbringen lassen.

Würdigen Platz
gefunden

Den Baum einfach absägen und zu Brennholz verarbeiten lassen, wollte er nicht. Und so bot er die Tanne der Stadt als Weihnachtsbaum an. Er ist froh, dass sie jetzt einen so würdigen Platz gefunden hat. Und er will Obstbäume und Sträucher an die Stelle setzten, wo bisher die Tanne stand, als Sichtschutz und natürlich, um in wenigen Jahren gartenfrisches Obst ernten zu können.

Um 7.15 Uhr treffen die Mitarbeiter des Bauhofs ein, sie sind mit einem Laster unterwegs, begleitet von einem weiteren Transportfahrzeug. Sie haben alles dabei, was man zum Absägen und Verladen des Baumes braucht.

Zunächst werden die unteren Äste am Stamm abgesägt, dann wird der Baum etwa in der Mitte gesichert und befestigt. Dazu ist ein Bauhofmitarbeiter in den Baum gestiegen. Danach kommt die Motorsäge zu Einsatz. Um 7.29 Uhr gerät die Tanne ins Wanken, ist verladefertig.

Jetzt soll die Tanne auf den Lkw – doch sie ist zu schwer und mit ihren inzwischen etwa 17 Metern auch zu lang. So wird sie erneut um ein Stück gekürzt. Kerngesund sei der Baum, erklär Stadtförster Gros. An den Jahresringen erkennt er ihr Alter. Vor etwa 40 Jahren sei sie wohl gepflanzt worden.

Und er erklärt: Tannenzapfen wird man wohl nicht finden, denn eine Tanne habe zwar Zapfen, doch sie werfe sie nicht als Ganzes ab, sondern die Schuppen fallen hinunter. Dazu stehen die Zapfen am Baum aufrecht, wie eine Kerze. Bis zu 15 Zentimeter werden sie lang, laufen meist spitz zu. Wenn sie ausgereift sind, fallen nach und nach die Schuppen ab, dadurch werden die Samen frei und der Wind trägt sie davon.

Was am Ast verbleibt, so Gros, sei ein hölzernes Gerippe. Zapfen, die man im Wald aufsammeln kann, stammen meistens von Fichten oder Kiefern.

Um 7.45 Uhr schließlich ist die Tanne auf dem Lastkraftwagen und wird befestigt. Zwölf Meter ist sie jetzt noch groß. Jetzt gilt es zügig in die Stadt fahren, bevor zu viele Autos unterwegs sind. Manchmal wird es ein wenig knapp für die Tanne auf dem Weg, so lässt sie Laub von den Bäumen rieseln, die sie beim Vorüberfahren streift.

Gleich ein
begehrtes Fotomotiv

Bei der Durchfahrt unter der Bleiche-Brücke wird es oben, bei der Einfahrt durch das Galgentor seitlich ein wenig eng. Die Bauhofarbeiter meistern jede Kurve und jede enge Durchfahrt mit Bravour, fahren den künftigen Christbaum sicher durch die Rosengasse zur Wenggasse und durch die Obere Schmiedgasse.

Und so trifft die Tanne schließlich um 8.20 Uhr auf dem Marktplatz ein. Immer wieder wird gemessen und gesägt, denn der Stamm der Tanne ist vom Durchmesser her dicker als das in den Marktplatz eingelassene Christbaumrohr. Allmählich belebt sich der Marktplatz, Zuschauerinnen und Zuschauer finden sich ein. Sie fotografieren und filmen, haben sichtlich Freude am Aufstellen des Christbaumes. Um 8.45 Uhr steht sie dann, die Tanne aus der Bleiche. Und sie ziert als Christbaum die Mitte des Marktplatzes, ist ein echter Hingucker und schon am frühen Morgen ein begehrtes Fotomotiv. Jetzt wartet sie noch auf die Beleuchtung. Doch dafür sind die Stadtwerke zuständig.


Von MARGIT SCHWANDT
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