Die Camphill-Dorfgemeinschaft Hausenhof sucht aktuell nicht nur einen neuen Geschäftsführer, sondern auch einen neuen Landwirt für die Tierwerkstatt. Der Wunsch-Kandidat oder die Wunsch-Kandidatin sollte sich mit biodynamischer Landwirtschaft auskennen, über soziale Kompetenz verfügen und offen sein gegenüber Menschen mit Assistenzanspruch.
Im Gegenzug bekommt derjenige oder diejenige ein Arbeitsumfeld in einer „interkulturellen, weltoffenen, sozialen Dorfgemeinschaft“, wie es in der Stellenausschreibung auf der Internetseite des Hausenhofes heißt. Außerdem eine Betriebswohnung, falls gewünscht, „kollegiale und transparente Strukturen“ sowie die Möglichkeit, den eigenen Arbeitsbereich und die Dorfgemeinschaft insgesamt mitzugestalten.
Bislang hat es nur wenige Bewerber gegeben, erzählt Uwe Lange. Er arbeitet seit sechs Jahren auf dem Hausenhof und hat im vergangenen Jahr die Leitung der Tierwerkstatt übernommen. Ein bisschen einfacher hatte er sich die Suche nach einem neuen Landwirt aber schon vorgestellt. Doch er bleibt zuversichtlich. Auch wenn zwei vielversprechende Bewerber wieder abgesprungen sind. Einer von ihnen hatte die Stelle sogar bereits angetreten.
Dieser Mann sei Lange zufolge jung gewesen, gut ausgebildet, mit eigenem Betrieb und Ideen für die Zukunft des Hausenhofes. Im November hatte der Landwirt seine Arbeit aufgenommen. Mitte Dezember kam plötzlich seine Kündigung. Er hatte eine gut dotierte Stelle beim Bayerischen Bauernverband ergattert und wollte diese Chance nutzen.
Ein anderer Bewerber war im Februar zum Probearbeiten vor Ort und von der Aufgabe durchaus angetan. Trotzdem hatte er sich Bedenkzeit erbeten und letztlich beschlossen, die Stelle nicht anzunehmen. Lange hatte bis zuletzt gehofft, doch insgeheim auch schon eine Absage einkalkuliert – weil der Bewerber frühzeitig kommuniziert hatte, dass ihm die Arbeitszeit im Umfang von 25 Stunden und das daraus resultierende Gehalt dann doch nicht ausreichen würde, um seine Familie langfristig gut versorgen zu können. Er hätte sich einen weiteren Job dazu suchen müssen. Das aber habe er nicht gewollt.
So bleibt Lange nun nichts anderes übrig, als weiterhin die Nadel im Heuhaufen zu suchen. Der 59-Jährige ist optimistisch, dass er sie finden wird. Das aber ist nicht die einzige Voraussetzung, vor der er aktuell steht. Denn die Tierwerkstatt, dessen Leiter er ist, existiert in ihrer jetzigen Form erst seit April 2024.
In ihr sind zwei ehemals eigenständige Werkstätten zusammengefasst worden: die Landwirtschaft und die Pferdewerkstatt. Die Fusion war notwendig geworden, weil laut Lange festgestellt wurde, dass es in beiden Bereichen „wirtschaftlichen Korrekturbedarf“ gebe. Durch den Zusammenschluss sollen nun Kosten reduziert sowie Abläufe erneuert und dadurch vereinfacht werden. Bislang seien anderthalb Vollzeitstellen weggefallen.
Auch seien „Dimensionen“ verändert worden, so Lange. Damit meint er beispielsweise, dass die Rinderherde mit ihren ursprünglich 51 Tieren um die Hälfte verkleinert worden sei. Außerdem sei man von der Milchtierhaltung auf die Mutterkuhhaltung umgestiegen. „Dadurch haben wir insgesamt weniger Aufwand, müssen weniger füttern und weniger ausmisten“, so der Leiter der Tierwerkstatt. Und weniger Tiere bedeuteten auch, dass auf den Weideflächen des Hausenhofes weniger Futter produziert werden müsse.
Aktuell leben neben den Rindern acht Pferde und fünf Ponys auf dem Gelände, außerdem zwei Esel, dazu Hasen, Meerschweinchen, Katzen, Hühner, Ziegen und Schafe. Alle Tiere werden von Bewohnern des Hausenhofes betreut und versorgt. Sie tun dies weitestgehend selbstständig. Denn zum Gesamtkonzept der Camphill-Dorfgemeinschaft gehört die „tiergestützte Arbeit und Therapie“. Das macht sie dann auch zu etwas Besonderem.
Dass dieses Angebot in der Praxis durchaus herausfordernd sei, kommuniziert Lange offen. „Man muss sich stets bewusst sein, dass bei vielen unserer Bewohner der Geist eines Kindes im Körper eines Erwachsenen steckt.“ Deswegen müsse immer genau abgewogen werden, welche Aufgaben von den Mitarbeitern übernommen werden müssen und welche von den Bewohnern übernommen werden können.
So sei es nicht ganz unproblematisch, wenn einer der Bewohner beispielsweise den Hang mit einer Sense mähen wolle und zum Schärfen des Geräts einen Schleifstein haben wolle. „Da muss man immer mitdenken, ob das umsetzbar ist oder für den Einzelnen doch zu gefährlich“, betont Lange.
Ein neuer Landwirt sei diesbezüglich ebenfalls gefordert. Denn seine Aufgabe sei nicht nur, die Acker- und Weideflächen zu bewirtschaften – und dies oft allein. Vielmehr müsse er währenddessen immer auch die rund 35 Bewohner im Blick haben, die in der Tierwerkstatt mitarbeiten. Für sie gilt es, sinnvolle Aufgaben zu finden und sie in die Bewirtschaftung des Hofes einzubeziehen.
Lange macht indes klar, dass nicht „die eierlegende Wollmilchsau“ gesucht werde. Ihm sei klar, dass es wohl kaum einen Landwirt gebe, der eine Zusatzausbildung im Umgang mit Menschen habe, die einen Assistenzanspruch hätten. Zwingend erforderlich sei allerdings, dass der oder die Neue den Hausenhof-Bewohnern gegenüber offen sei. Ihnen gegenüber keine Vorurteile habe, auf Augenhöhe mit ihnen umgehe und in der Lage sowie willens sei, soziale Beziehungen einzugehen. Wenn für denjenigen oder diejenige dann noch das Wort „Empathie“ kein Fremdwort sei, „hat man schon eine Brücke“. Denn die Bewohner der Dorfgemeinschaft seien durchaus empathisch und würden die Grundhaltung eines Menschen ihnen gegenüber sehr wohl spüren.
Mit Blick auf den Frühling und die damit anstehenden Aufgaben auf den landwirtschaftlichen Flächen des Hausenhofes, ist dem Leiter der Tierwerkstatt eines klar: Ohne neuen Landwirt wird er ganz klar Prioritäten setzen und sich Leistungen von externen Fachkräften einkaufen müssen. Dabei stehe die Futterherstellung und damit die Heuernte im Mittelpunkt. Bereits im Jahr 2023 war der bisherige Landwirt der Dorfgemeinschaft längerfristig erkrankt gewesen, und das Team hatte improvisieren müssen. Zumal es keine Dokumentation gab, auf die man hätte zurückgreifen können.
Lange selbst hatte sich damals in die Thematik eingearbeitet und sich vor allem in Bezug auf seine Arbeitszeit weit über das normale Maß hinaus engagiert. „Das könnte ich nicht wiederholen.“ Seine bislang gesammelten Erfahrungen helfen ihm allerdings dabei, besser abwägen zu können. Eine Herausforderung bleibe es trotzdem.
So mache es dem 59-Jährigen zufolge keinen Sinn, neben den Weideflächen auch die Äcker „auf Biegen und Brechen“ zu bewirtschaften. In diesem Fall könnte es angesichts des Aufwands durchaus kostengünstiger sein, die Äcker vorerst ruhen zu lassen und sich auf die 20 Hektar Weideland zu konzentrieren.
Lange sagt aber auch: „Sollten wir in drei Monaten immer noch in der Situation sein, keinen neuen Landwirt gefunden zu haben, werden wir uns den Stellenzuschnitt noch einmal angucken.“ Gleichzeitig betont er noch einmal die große Chance, die in der Hausenhof-Tätigkeit stecke. Denn der oder die Neue sollten nicht nur der täglichen Arbeit nachgehen, sondern auch die Zukunft aktiv gestalten. Zum Beispiel mit Blick auf den Klimawandel. „Was wir machen, liegt an uns.“ Auf einen eigenen Landwirt zu verzichten, ist für Uwe Lange jedenfalls keine Option: „Wir brauchen das Fachwissen.“