Die bewegte Geschichte von Käthe Wohlfahrt: In Rothenburg ist immer Weihnachten | FLZ.de

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Veröffentlicht am 23.10.2024 22:00

Die bewegte Geschichte von Käthe Wohlfahrt: In Rothenburg ist immer Weihnachten

Tochter Aska und Vater Harald Wohlfahrt schauen positiv in die Zukunft. (Foto: Gerhard Krämer)
Tochter Aska und Vater Harald Wohlfahrt schauen positiv in die Zukunft. (Foto: Gerhard Krämer)
Tochter Aska und Vater Harald Wohlfahrt schauen positiv in die Zukunft. (Foto: Gerhard Krämer)

Weihnachten ist irgendwie Käthe Wohlfahrt. Das ganze Jahr über. Dafür ist das Familienunternehmen aus Rothenburg bekannt. Und das schon seit 60 Jahren.

Gemütlich sitzen Harald Wohlfahrt (70) und seine Tochter Aska (36) im kleinen Besprechungszimmer und erzählen über sich und die Firma, über die Geschichte und über die Zukunft. Auch in diesem Raum ist Weihnachten spürbar. Figuren und Gebäude sind liebevoll in einer achteckigen Glasvitrine arrangiert. Vermutlich würde man auch nach Stunden noch etwas Neues entdecken.

Das alles sind Dinge, die das Flair von Käthe Wohlfahrt ausmachen. Das alles lässt einen den Alltag vergessen. Im großen Weihnachtsdorf von Käthe Wohlfahrt in Rothenburg erleben das jährlich gut eine Million von Kunden und Besuchende.

Nach der Flucht zunächst in Stuttgart

Käthe und Wilhelm Wohlfahrt haben klein angefangen. Geflohen aus dem Erzgebirge fanden sie zuerst eine Bleibe in Stuttgart. Eine Musikspieldose, bis heute in Familienbesitz, spielte sieben Jahre später eine bedeutende Rolle.

Die Dose nämlich gefiel einer befreundeten amerikanischen Offiziersfamilie an Weihnachten 1963 bei einem Besuch besonders gut. Wilhelm Wohlfahrt, so ist es in der Familienchronik zu lesen, fand aber erst im Februar des darauffolgenden Jahres die Möglichkeit, Spieldosen zu erwerben – allerdings hatte er zehn Stück nehmen müssen.

Eine war das Geschenk für die amerikanischen Freunde, die anderen neun versuchte er, in den Wohnblöcken der amerikanischen Kaserne verkaufen.

Spieldosen auf Wohltätigkeitsbasaren verkauft

Haustürgeschäfte waren damals aber nicht erlaubt, weswegen er auf Anraten der Militärpolizei die Spieldosen auf Wohltätigkeitsbasaren der amerikanischen Offiziersfrauen verkaufte. Zusammen mit seiner Frau war er mit einem erweiterten Sortiment dann auf jedem Wochenendbasar dabei.

Das lief so gut, dass beide 1964 die Selbstständigkeit wagten. Da Wilhelm noch in Anstellung war, wurde Käthe Wohlfahrt zur Namensgeberin der Firma. In Herrenberg waren die Ausstellungsräume.

Der Anfang in der Herrngasse

1977 erfolgte der Umzug nach Rothenburg. In der Herrngasse wurde Käthe Wohlfahrts Christkindlmarkt eröffnet, das erste Fachgeschäft für Weihnachtsartikel. Zum Standort in der Innenstadt gibt es von Harald Wohlfahrt ein klares Bekenntnis.

Derzeit gibt es Filialen in Nürnberg, Rüdesheim, Oberammergau, Heidelberg und Bamberg. Auch international ist das Unternehmen mit Niederlassungen vertreten, und zwar in Riquewihr (Frankreich), Brügge (Belgien), York (England), Barcelona (Spanien) sowie in Stillwater (USA). Dazu kommt die saisonale Präsenz bei etlichen Weihnachtsmärkten im In- und Ausland.

Viele langjährige Mitarbeiterinnen

„In der Spitze haben wir 1500 Mitarbeiter“, erzählt Harald Wohlfahrt. Gut 350 davon bilden den festen Stamm, die anderen seien saisonal, ergänzt Aska Wohlfahrt. Die Firma habe sehr langjährige überwiegend Mitarbeiterinnen, „die mich schon kennen als kleines Kind und jetzt meinen Kleinen auch als kleines Kind mitkriegen“, erzählt Aska Wohlfahrt und lacht

Die Familie hat für Harald Wohlfahrt große Bedeutung. „Ein großer Teil des Erfolges ist drauf zurückzuführen.“ Familie einmal im engeren Sinne, aber auch die Mitarbeiterfamilie, die Firmenfamilie. „Das macht Käthe Wohlfahrt aus.“

Umsatz brach bei Pandemiebeginn ein

Zu seiner Freude sind jetzt auch die drei Kinder in der Firma dabei. „Wir sind gut aufgeteilt“, erklärt Tochter Aska. Ihr Bruder Takuma (32) mache Marketing und das Strategische, sie selbst sei für den Einkauf zuständig und kümmere sich mit Takuma um den Vertrieb, Kenta (35) sei für die Eigenentwicklungen zuständig.

„Ich möchte mich immer weiter zurücknehmen, was ich auch tue“, sagt Harald Wohlfahrt. Gerne gibt er seine Erfahrungen an die Kinder weiter.

Ende 2020 sah es für den „Botschafter der Deutschen Weihnacht“ plötzlich schlecht aus. Wegen der Pandemie wurden Weihnachtsmärkte abgesagt, die Touristen blieben aus. Der Umsatz brach ein, was online nicht abgefangen werden konnte. Käthe Wohlfahrt begab sich unter ein Schutzschirmverfahren. Der Standort Miltenberg musste aufgegeben werden.

Für viele ein Stück Tradition

Ende März sei das Unternehmen aus dem Restrukturierungszeitraum herausgekommen. Gut, dass sie Generationsnachfolge gesichert gewesen sei, sagt Harald Wohlfahrt: Andernfalls „hätte ich wohl verkauft“, gibt er unumwunden zu.

Käthe Wohlfahrt sei für viele ein Stück Tradition, sagt Harald Wohlfahrt. Viele, die als Kinder da gewesen seien, kämen heute mit ihren Kindern. Die Traditionspflege, gerade an Weihnachten, legt er allen ans Herz. Die Familie blickt positiv in die Zukunft. Wohlwissend, dass es global Dinge gibt, die sie nicht beeinflussen können.

Überwiegend internationale Besucher

„Positiv ja, aber immer die Dinge im Blickfeld haben, um schnell reagieren zu können“. Die Hauptkunden über das ganze Jahr seien zwar die Deutschen, aber gerade in den Sommermonaten überwiege der internationalen Besucher.

Trotz der Hochkonjunktur vor Weihnachten hat Aska Wohlfahrt schon das eigene Weihnachtsfest im Blick. „Am 24. Dezember gibt es schon immer bei uns die Weihnachtsgans“, verrät sie. Doch bis 24. ist mittags noch auf, die Mitarbeiter müssten auf den Weihnachtsmärkten noch abbauen. Wenn alle wohlbehalten zu Hause seien, dann könne man durchschnaufen, sagen Aska und Harald Wohlfahrt.


Von Gerhard Krämer
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