Veröffentlicht am 20.06.2022 21:15

Der Mann, der den Bayern einen Korb gab

Nur schwer vom Ball zu trennen: Michael Sperr (grünes Trikot), hier in der Regionalliga-Relegation gegen den SC Eltersdorf. (Foto: Martin Rügner)
Nur schwer vom Ball zu trennen: Michael Sperr (grünes Trikot), hier in der Regionalliga-Relegation gegen den SC Eltersdorf. (Foto: Martin Rügner)
Nur schwer vom Ball zu trennen: Michael Sperr (grünes Trikot), hier in der Regionalliga-Relegation gegen den SC Eltersdorf. (Foto: Martin Rügner)

Lieber Karpfen ernten statt Konkurrenten nerven: Der besonnene Stürmer Michael Sperr steht exemplarisch für das Mannschaftsgefühl der SpVgg.

Im Trainingsspiel zieht Michael Sperr am Torhüter vorbei und legt den Ball quer vors Tor. Leider keiner da, um zu vollenden. „Geil, Michi“, tönt es von der Trainerbank. Ziemlich lange schon finden ziemlich viele bei der SpVgg Ansbach ziemlich gut, was der 22-Jährige aus Wallersdorf macht.

An der Karriere des Stürmers ist bemerkenswert, was er nicht gemacht hat. Sperr ging nicht zum 1. FC Nürnberg, er ging nicht zur SpVgg Greuther Fürth und er ging nicht zum FC Bayern München. Ja, er ging nicht zum FC Bayern München. Bis heute stehen nur zwei Vereine in seiner Vita. Der Heimatverein TSV Brodswinden und die SpVgg Ansbach, für die er seit der E-Jugend spielt.

Ex-Profi Michael Tarnat, damals in der Nachwuchsabteilung des FCB beschäftigt, bot Sperr 2017 einen Platz im Jugendinternat des Dauermeisters in München an. Eine Chance, für die viele Nachwuchskicker Gott weiß was geben würden.

Sperr wog ab und entschied sich dagegen. Gegen die vage Aussicht auf eine mögliche Profikarriere, für den elterlichen Hof in Wallersdorf, wo es Felder zu bestellen und Karpfen zu ernten gibt, für die Oberstufe am Ansbacher Platen-Gymnasium und für die bewährte Gemeinschaft bei der SpVgg Ansbach.

Wie viele schaffen es nach oben?

„Man muss das realistisch sehen: Wie viele schaffen es denn aus diesen Nachwuchszentren ganz nach oben?“, fragt Sperr an einem Sommermorgen im Café. Wenige, sehr wenige. Wobei es zwischen Bundesliga-Profi und Feierabend-Spaßkicken ja noch ein großes Zwischenreich gibt, in dem Spieler aus dem Bayern-Nachwuchs ein durchaus ansehnliches Auskommen finden können. Aber auch das schien Sperr nicht verlockend. Sein Blick auf den Sport, dem er seit Jahren so viel Zeit widmet, ist unaufgeregt und tatsächlich eher distanziert. So wenig, wie er sich auf dem Platz zu etwas hinreißen lässt, so besonnen und abwägend ist er im persönlichen Gespräch.

Sperr kennt Jugendspieler, die in einem Nachwuchsleistungszentrum total die Lust verloren und ihre Karriere beendet haben. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass es ihm auch so gegangen wäre. Das zumindest klingt an, wenn er von so einem Fall erzählt.

Sperr war Bayernauswahlspieler und er hat Sichtungsturniere gespielt, war beim Probetraining des 1. FC Nürnberg. „Da hat man dann schon gespürt, dass sich alle als Konkurrenten gesehen haben, sagt Sperr. Nicht seine Welt.

Konkurrenzdruck herrscht auch bei der SpVgg Ansbach, aber grundiert von Wertschätzung und Sympathie. Mit einigen Teamkollegen spielt Sperr seit Jahren zusammen. „Ich kann mir keine Mannschaft vorstellen, in der ich mich ähnlich wohlfühlen könnte“, sagt Sperr.

Sperr mag es eben behaglich und außerhalb des Platzes sorgt er auch dafür, dass es die Leute behaglich haben. „Optimierung der Energieübertragung in Supermärkten unter wirtschaftlichen und behaglichen Gesichtspunkten“, lautet der Titel seiner Bachelorarbeit. Sperr studiert nachhaltige Gebäudetechnik in Ansbach, arbeitet nebenbei in einem Ingenieurbüro.

Am Telefon drückt sich Trainer Christoph Hasselmeier gewählter aus, wenn es um seinen Stürmer geht: „Er hat sich herausragend entwickelt, er ist laufstark, dynamisch, hat einen guten Abschluss.“

Mit 23 Toren wurde Sperr 2019 Torschützenkönig der U19-Bayernliga, doch der Übergang in die erste Mannschaft gestaltete sich holprig, auch wegen einer Bänderverletzung am Knöchel. Seit er fit ist, läuft es richtig gut. Im zweiten Halbjahr stand er regelmäßig in der Startformation, erzielte 14 Ligatore und traf auch in den Relegationsspielen gegen den SC Eltersdorf. Es hätten noch ein paar Tore mehr sein können.

Chancenverwertung soll besser werden

„Mehr Ruhe im Abschluss“, wünscht Hasselmeier seinem Stürmer. „Die Chancenverwertung, ja, das Thema begleitet mich schon lange, da will ich mich verbessern“, sagt Sperr, „wir werden in der Regionalliga nicht mehr so viele Torchancen bekommen. Umso wichtiger ist es, dass ich da effizienter werde.“

Gut möglich, dass die Ansbacher Spielweise in der Regionalliga Sperr grundsätzlich entgegenkommt. Er ist der Mann für den schnellen Gegenstoß. Aus der Aufstiegssaison bekommt Sperr noch ein bleibendes Souvenir. Im Spiel gegen den ASV Cham bekam er den Ball so unglücklich ins Gesicht, dass ein Zahn schwer beschädigt und entfernt werden musste. In die Lücke soll ein Implantat.

Alexander Keck

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