Gockeltanz und Schubkarrenrennen gehören zur Scheinfelder Kirchweihtradition. Schon immer? Ja und nein. Das Brauchtum scheint jedenfalls uralt zu sein, war aber wohl eine Zeitlang eingeschlafen. Vor genau 100 Jahren wurde es wiederbelebt.
Beim Stöbern in alten Zeitungen ist Simon Prikler, Kassier des Heimat- und Kulturvereins, auf verschiedene Beiträge zu den Kindervergnügungen gestoßen, berichtete er der FLZ. So veröffentlichte Mitte August 1926 der damalige „Scheinfelder Kurier” eine Ankündigung, dass es in jenem Jahr ein Kinderfest geben soll. Das habe der Stadtrat einige Monate vorher beschlossen. Damit wolle man einen Brauch wieder aufleben lassen, der „seit nahezu 40 Jahren in Vergessenheit geraten ist”.
In derselben Zeitungsnotiz ist zu lesen, dass es „in den vorigen Jahrhunderten” Scheinfelder Brauch gewesen sei, „daß die Kinder den ,Gockel ausgetanzt' und ,Tauben ausgespielt' haben”. Sofern das stimmt, gab es diese Tradition also mindestens seit dem 18. Jahrhundert.
Als Termin für die Wiederbelebung wurde der Kirchweihmontag (30. August 1926), 13 Uhr, festgelegt. Der „Scheinfelder Kurier” berichtete ein paar Tage vorher in einem weiteren Artikel von den Vorbereitungen. Offenbar gab es eine Art Festzug mit den Kindern. Dieser führte von der Turnhalle (der heutigen TSV-Halle) über den Marktplatz durchs obere Tor zum Heim'schen Anwesen, also in den Bereich der heutigen Ampel-Kreuzung.
Angeführt wurde er von Fortbildungsschülern und -schülerinnen mit geschmückten Fahrrädern, gefolgt von der Musikkapelle Rosner, einem Laternenträger (denn die Laterne spielte eine wichtige Rolle), drei Handwagen mit den Tierkäfigen (für Gockel, Henne und zwei Taubenpärchen) und der Schuljugend aus Scheinfeld und Schwarzenberg (dort gab es damals eine Volksschule), denn nur schulpflichtige Kinder durften teilnehmen.
Damit das nach jahrzehntelanger Pause klappte, wurde sogar vorab an einem Abend mit den Kindern geprobt. Zum Fest am Kirchweihmontag, einem „herrlichen Spätsommertag”, wie die „Dorflinde” (eine heimatkundliche Beilage zum „Scheinfelder Kurier”) hinterher berichtete, kamen 138 Mädchen und Buben. Dabei wurde unterschieden in Scheinfelder und Auswärtige. Als „auswärtig” galten die Kinder aus Schwarzenberg, Klosterdorf, Grappertshofen, Hohlweiler und Thierberg. Denn der Gockeltanz – und nur dieser – war den Kindern aus Scheinfeld vorbehalten; bei dieser Regelung berief man sich auf die vormalige Tradition. Bei allen anderen Spielen durften alle mitmachen.
In dem Nachbericht der „Dorflinde” wurde zudem die Zeitangabe des „Scheinfelder Kurier” korrigiert: 49 Jahre zuvor soll es den Gockeltanz letztmals gegeben haben (und auch das Taubenausspielen, das aber inzwischen mit dem Gockeltanz verschmolzen ist; siehe Kasten „Gockeltanz III”). Der Brauch pausierte also offenbar sogar noch länger. Die Preise wurden gespendet: „Der Hahn und die Henne werden in liebenswürdiger Weise vom Geflügelzuchtverein Scheinfeld unentgeltlich zur Verfügung gestellt”, hieß es in der „Kurier”-Ankündigung.
Die „Dorflinde” versicherte ihrer Leserschaft: „Das Verfahren selbst zur Feststellung der beiden Hauptgewinner war ein völlig einwandfreies und durchaus unparteiisches.” Das war zuvor wohl nicht immer so (siehe Kasten „Gockeltanz I”). Sogar die Namen der beiden Gewinnerkinder standen in der „Dorflinde”, die beiden Erstklässler Philipp Sulzbacher und Betti Mix. Die Gewinnerinnen der Taubenpärchen (ein weißes und ein blaues) waren eine Fünft- und eine Sechstklässlerin.
Nach Gockeltanz und Taubenausspielen ging es zunächst zu den Elternhäusern der beiden Gockel- und Henne-Gewinner, wo die Kapelle jeweils ein Stück spielte. Danach begab sich der Zug zurück zur Turnhalle, um bis vier Uhr nachmittags weitere Kinderspiele zu veranstalten wie etwa Wurstschnappen, Eierlauf, Sackhüpfen oder Tauziehen. Die Kinder konnten dabei 20 Pfennige und insgesamt über 200 Freikarten für das anscheinend einzige Karussell der Kirchweih gewinnen. „Leer ging niemand aus”, versicherte die „Dorflinde”.
Der Artikel appelliert zum Schluss: „Die in dankenswerter Weise wieder eingeführten, alten Spiele sollen fortan ein Bestandteil der Scheinfelder Kirchweih bleiben.” Jedenfalls hält der Heimat- und Kulturverein trotz so mancher Wandlung den Brauch aufrecht. Lebende Tiere gibt es allerdings nicht mehr zu gewinnen, schon aus Gründen des Tierschutzes, wie die Vereinsvorsitzende Tanja Jordan erklärt.
Über das Schubkarrenrennen verlieren die genannten Berichte des „Scheinfelder Kurier” und der „Dorflinde” allerdings keine Silbe. Prikler geht dennoch von einer langen Tradition aus und verweist auf ein Foto, dessen genaues Datum er zwar nicht kennt, das aber offenkundig schon Jahrzehnte alt ist. Darauf ist auch zu sehen: Die Schubkarren waren nicht nur für Kinder gedacht, sondern auch für jene, die sich noch jung (genug) fühlten.
Die „Dorflinde” schrieb 1924 unter Berufung auf „Aufzeichnungen und Erlebnisse” eines Kaspar Dörfner über den vormaligen Gockeltanz-Brauch (gemeint war wohl das 19. Jahrhundert), dass dazu ein Hahn mit Seidenbändern und anderem Zierrat geschmückt wurde; das Tier wurde auf eine Stange gesetzt und angebunden. Der Tanz fand zum Ende der Kirchweih statt, was laut Dörfner einst der Sonntag war – bei gutem Wetter auf der Bleichwiese (die außerhalb, mutmaßlich südlich der Stadttore lag), bei schlechterer Witterung am Marktplatz. Die Kinder tanzten zur Musik einer Kapelle in Paaren im Kreis, wobei nach jeder Runde eine Kindertrompete von einem Buben zum nächsten gereicht wurde. Sobald ein Groschen, der in eine brennende Kerze gesteckt worden war, herunterfiel, endete der Tanz. Der Junge, der gerade die Trompete in der Hand hielt, gewann den Hahn, seine Tanzpartnerin den Hahnenschmuck.
Laut Dörfner wurde es jeweils so hingedeichselt, dass der Gewinner immer aus einer Familie stammte, die sich den obligatorischen Obolus für die Tanzkapelle leisten konnte. Die Musiker und der gesamte Tross zogen zum Anwesen des Buben, wo das Geld sofort ausgehändigt wurde. Zudem erhielten die Musiker „eine Gießkanne voll Bier”, hieß es in jenem „Dorflinde”-Bericht.
Die „Dorflinde” schrieb auch 1926 über die Wiederbelebung des Gockeltanzes, der in Anlehnung an jene Überlieferung über die Bühne ging. Das hieß auch: Nur Scheinfelder Schulkinder konnten gewinnen. Jedoch: Neben dem Hahn war auch eine Henne ausgelobt, und die „Dorflinde” lobte, dass „jedwede Bevorzugung etwa der Kinder wohlhabender Eltern, wie es leider früher der Fall war, vollständig ausgeschlossen” sei.
Es wurden ein äußerer Buben- und ein innerer Mädchenkreis gebildet. Sie drehten sich im Ringelreigen gegenläufig zueinander. Sobald die Münze aus der Kerze fiel, gab ein Festausschussmitglied einen Schuss ab und die Musik stoppte. Der Junge und das Mädchen, die sich gegenüberstanden, bildeten ein Zufallspaar.
Unter den Zuschauern verteilt, befanden sich sechs Festausschuss-Männer. Jeder hatte ein Los (fünf Nieten und ein Gewinn). Das Paar, das beim Gewinner-Mann stand, bekam das Federvieh: der Bub den Hahn, das Mädchen die Henne.
Allerdings kam es zu einer Panne: als nach elf Minuten, die Münze aus der Kerze fiel und der Tanz stoppte, fühlte sich keiner der sechs Ausschussmänner als Zielperson. Die „Dorflinde” mutmaßte, der betreffende Herr habe sein Los nicht genau genug angesehen. Es wurde erneut gelost und getanzt, diesmal mit der Uhr gestoppt. Nun klappte es, und die „Dorflinde” merkte an: „Allgemeine Befriedigung herrschte darüber, daß zwei bedürftige Kinder die Auserwählten des Glückes waren.”
Noch bis einschließlich 2005 wurden die Kinder tatsächlich mit einem Federvieh beschert. Der örtliche Geflügelzuchtverein stiftete zuletzt zehn Tiere. Seit 2006 gibt es Sachpreise beziehungsweise Freifahrkarten für die Kirchweih.
Getanzt wird nach wie vor, und es kommt für die Mädchen und Buben darauf an, vor wem sie stehen, sobald die Musik (vom CD-Player) aufhört. Allerdings genügt das nicht. Denn der Gockeltanz wurde verquickt mit einer zweiten Tradition, die 1926 ebenfalls wiederbelebt wurde, dem Taubenausspielen. Dabei muss das Kind, das beim Tanzen ausgelost wurde, mit einem Stock und mit verbundenen Augen versuchen, einen Tontopf zu zerdeppern. Gelingt das, gibt es heutzutage ebenfalls einen kleinen Sachpreis (1926 waren es noch Tauben).
Während Gockeltanz und Taubenausspielen ehedem den Schulkindern vorbehalten waren, ist dieser Teil des Kinderfestes heutzutage für die jüngeren Kinder gedacht. Ihnen steht der Heimat- und Kulturverein beziehungsweise eines der seit drei Jahren eingeführten Kerwa-Kids hilfreich zur Seite, damit der Tontopf tatsächlich in die Brüche geht.
Die größeren Kinder vergnügen sich hingegen mit einem Brauch, der in den Berichten von 1924 und 1926 nicht erwähnt ist, dem Schubkarrenrennen. Sogar Erwachsene dürfen da mittun.