Veröffentlicht am 25.09.2022 11:03

Das „Schwiegermutter-Gift“: Erster E-605-Mord vor 70 Jahren

Gift aus feinen Düsen: Alte Fotos aus den 1950er Jahren zeigen Helikopter, die E 605 großflächig über rheinischen Weinbergen versprühen. (Foto: dpa)
Gift aus feinen Düsen: Alte Fotos aus den 1950er Jahren zeigen Helikopter, die E 605 großflächig über rheinischen Weinbergen versprühen. (Foto: dpa)
Gift aus feinen Düsen: Alte Fotos aus den 1950er Jahren zeigen Helikopter, die E 605 großflächig über rheinischen Weinbergen versprühen. (Foto: dpa)

Blausäure, Arsen, Strychnin, Fingerhut - Leser von Kriminalromanen kennen alle diese mörderischen Substanzen. Doch vermutlich fand keiner dieser todbringenden Stoffe im Westdeutschland der Nachkriegszeit eine so große Verwendung wie E 605.

Vor 70 Jahren - am 27. September 1952 - geschah in Worms das erste nachgewiesene Verbrechen der Bundesrepublik mit diesem Gift. Es sollte der Auftakt zu einer Vergiftungswelle werden. Noch in den 1980er Jahren sprachen Viele mit schwarzem Humor von E 605 als „Schwiegermutter-Gift“. Galt die Schwiegermutter doch als Klischee-Todfeind von Eheleuten.

Wer heute E 605 in einer Reihe mit den sogenannten E-Nummern wie E 160c (Paprika-Extrakt), E 270 (Milchsäure) oder E 954 (Zuckerersatz Saccharin) wähnt, ist völlig auf dem Holzweg. E 605 war nie ein Lebensmittelzusatz, sondern ein Pflanzenschutzmittel. Das E steht hier für „Entwicklungsnummer“. 1944 entdeckt, war es wie viele andere deutsche Erfindungen aus der Nazi-Zeit kein Segen für die Menschheit.

Millionen nahmen es zu sich - in winzigen Mengen

Dennoch war die auch Parathion genannte Verbindung im Einsatz gegen Insekten bei Landwirten in Deutschland und den Nachbarländern nach seiner Zulassung 1948 sehr beliebt. Eine agrochemische Abhandlung aus dem Jahr 1949 sieht es als „hinlänglich belegt“ an, dass „E 605, obwohl es in konzentrierter Form ein Gift darstellt, bei sinnvoller Anwendung durchaus ungefährlich ist und sich aus der modernen Pflanzenschutzpraxis nicht mehr wegdenken lässt“.

Alte Fotos aus den 1950er Jahren zeigen Helikopter, die es großflächig über rheinischen Weinbergen versprühen. Auf diesem Weg nahmen vermutlich Millionen Deutsche dieses Gift zu sich, aber nur in winzigsten Mengen.

Bei Karl Franz Lehmann aus Worms hingegen war es eine tödliche Dosis. Er starb völlig unerwartet am 27. September 1952 unter heftigen Krämpfen. Doch dass es sich dabei um ein Verbrechen handelte, dämmerte der Polizei erst an einem Februartag des Jahres 1954. An jenem Tag biss die 30 Jahre alte Annie Hamann - ebenfalls aus Worms - auf eine Praline.

Hund und Frauchchen wanden sich in qualvollen Krämpfen

Die Süßigkeit schmeckte so bitter, dass die Frau die Praline mit Ekel auf den Boden spuckte. Ihr kleiner Hund schleckte das Naschwerk sofort gierig auf. Nur Minuten später wanden sich der weiße Spitz und sein Frauchen in qualvollen Krämpfen, kurz darauf waren beide tot. Dafür verantwortlich war Hamanns Freundin Christa Lehmann, deren Ehemann Karl Franz keine zwei Jahre zuvor so mysteriös gestorben war.

Christa Lehmann hatte das von einer deutschen Chemiefirma hergestellte E 605 mit Hilfe einer Schere in den „Schokopilz“ gefüllt, den sie in einem Kaufhaus besorgt hatte. Als Opfer hatte die Giftmörderin aber gar nicht die Freundin ausersehen gehabt, sondern deren Mutter. Zu ihr hatte Lehmann ein angespanntes Verhältnis. Doch eben diese Dame wollte die Praline nicht haben und deponierte sie im Kühlschrank, wo ihre Tochter sie dann entdeckte.

„Ich wurde damals sofort stutzig, als Lehmann erzählte, dass ihr von den Pralinen auch gleich schlecht geworden sei. Das hörte sich wie eine Entschuldigung an“, erzählte der Wormser Kriminalbeamte Kurt Erhard, der damals mit zwei Kollegen die Ermittlungen aufgenommen hatte, in den 1990er Jahren einem Reporter der Deutschen Presse-Agentur. Erhard war zu der Zeit schon ein betagter Mann.

„Ich kann mir auch vorstellen, dass sie weiter gemordet hätte“

Auffälliger noch war die Häufung von Todesfällen im engsten Umkreis der jungen Witwe Christa Lehmann. 1952 war ihr Ehemann plötzlich gestorben, ein Jahr später war auch ihr Schwiegervater tot vom Fahrrad gefallen - man hatte Magendurchbruch und Herzschlag als Ursachen für den Tod der Männer angenommen.

Vier Tage nach Annie Hamanns Tod nahmen die Beamten Christa Lehmann fest, einige Tage später gab sie alle drei Morde zu. Die Spezialisten des gerichtsmedizinischen Institutes in Mainz hatten in der Zwischenzeit herausgefunden, dass Lehmann mit E 605 gemordet hatte - das war eine kriminaltechnische Spitzenleistung, denn zum damaligen Zeitpunkt war die Chemikalie noch nicht als Mordwerkzeug bekannt.

Autor Walter Landin (1952-2021) nutzte das wahre Geschehen als Vorlage für sein Buch „Wormser Gift“ (2020). „Ich kann mir auch vorstellen, dass sie weiter gemordet hätte, wenn sie nicht entdeckt worden wäre“, sagte Landin vor einiger Zeit in einem Interview der Zeitung „Die Rheinpfalz“. „Die Taten waren ja ganz einfach für sie.“

Landin glaubte, Lehmann sei womöglich erleichtert gewesen, ertappt worden zu sein. „Der Prozess dauerte nur drei Tage, dann wurde Christa Lehmann zu dreimal lebenslangem Zuchthaus verurteilt. Ihr Leben und ihre Motive wurden kaum erörtert“, sagte der Pfälzer Landin. Ein solch kurzer Prozess wäre heute wohl undenkbar.

Das Gift wurde extra mit Geschmacksstoffen vergällt

Christa Lehmann wurde in den 1970er Jahren wieder aus der Haft entlassen und änderte ihren Namen. Den Eindruck einer eiskalten Killerin habe Lehmann nicht auf ihn gemacht, erzählte Kurt Erhard in dem Gespräch: „Die wirkte wie eine ganz normale Frau.“

Die Mordserie hatte schnell den Sensationshunger der Öffentlichkeit geweckt, das beschauliche Worms war während der Tage der Ermittlungen zu einem Anlaufpunkt für Scharen von Reporterinnen und Reportern geworden. „Wir haben bewusst verbreitet, dass eine Vergiftung mit E 605 einen sehr schmerzhaften Tod nach sich zieht. Aber das hat wohl nichts geholfen“, betonte Kurt Erhard damals in dem dpa-Interview. Das Gift wurde extra mit Geschmacksstoffen vergällt, oft roch es stechend.

Dennoch: Bereits kurz nach Bekanntwerden des Falles kam es in Deutschland und Österreich zu einer Welle von Suiziden mit dem Pflanzenschutzmittel. In den folgenden Jahrzehnten griffen auch immer wieder Mörder zu. Obwohl E 605 seit 20 Jahren auf Feldern in der EU verboten ist, wurde noch 2019 ein Mann in Lübeck verurteilt, weil er seinem Vermieter E 605 in den Wein gemischt hatte. Das Opfer starb.

© dpa-infocom, dpa:220925-99-890047/3

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