Insgesamt drei Wochen hat eine Gruppe der Universität Würzburg am sagenumwobenen Bullenheimer Berg im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim gegraben. Professor Frank Falkenstein informierte während dieser Zeit eine stattliche Gruppe von Interessierten aus Ippesheim und Umgebung über die prähistorische Höhensiedlung, die immer noch viele Geheimnisse birgt.
Denn der Höhenzug am Westrand des Steigerwalds war in vorgeschichtlicher Zeit mehrmals besiedelt, besonders intensiv von etwa 1050 bis 950 vor Christus. Dem Würzburger Lehrstuhlinhaber für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie wurden viele Fragen gestellt, die immer wieder im Zusammenhang mit dem Bullenheimer Berg auftauchen.
Natürlich lautete eine davon: „Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass der berühmte Berliner Goldhut vom Bullenheimer Berg stammt?“ Falkenstein äußerte sich da vorsichtig: In der Region kursieren immer wieder Gerüchte um eine mögliche Herkunft des Berliner Goldhuts vom Bullenheimer Berg. „Es würde mich freuen, wenn irgendwann ’rauskäme, dass er tatsächlich hier gefunden wurde.“ Derartige Vermutungen seien natürlich erlaubt. Aber mit einer festen Behauptung solle man vorsichtig sein. – „Immerhin geht es hier um einen Wert von zig Millionen Euro.“
Der Ippesheimer Werner Franz wollte wissen, ob die Chance bestehe, noch mehr bronzezeitliche Horte zu entdecken. „Das glaube ich nicht“, lautete die entschiedene Antwort des Fachmanns. Jeder Quadratmeter sei inzwischen mehrfach von kriminellen Sondengängern abgesucht worden. „Es ist ein Trauerspiel.“ Die ersten Bronzehorte seien noch dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege gemeldet worden, später habe der Freistaat die Funde mühsam aus dem Antikenhandel zurückgekauft. Auch sei eine Dunkelziffer an illegal gehobenen Funden in Privatbesitz anzunehmen.
„Wenn die Raubgräber einen Hort im Kunsthandel verkauft haben, stellten sie manchmal bedenkenlos verschiedene Funde zu Konvoluten zusammen, um sie mit maximalem Gewinn zu verkaufen.“ Deshalb sei bei einigen „Horten“ die ursprüngliche Zusammensetzung nicht gesichert. „Wenn wir heute bei unseren Ausgrabungen noch Metall finden, dann sind es kleinste Bronzefragmente, die komplett korrodiert sind, so dass ein Metalldetektor nicht mehr auf sie anspricht.“
Welche Bedeutung die Siedlung auf dem Bullenheimer Berg hatte, war ebenfalls Gegenstand einer Frage – schließlich war sogar schon von einem „New York der Bronzezeit“ die Rede. Die befestigte spätbronzezeitliche Siedlung auf dem Bullenheimer Berg war etwas Besonderes, bestätigte Falkenstein: Besiedelt wurde ein unwirtlicher Bergrücken, während die fruchtbaren Tallagen frei blieben – eine Ausnahmesituation.
Andererseits häuften sich aber gerade in der Region um das Maindreieck zeitgleiche Höhensiedlungen. Mit einer Größe von mehr als 30 Hektar, die zeitweilig vollständig besiedelt waren, handle es sich beim Bullenheimer Beg um eine zwar sehr bevölkerungsreiche, aber nicht um die größte Siedlung dieser Zeit in der Region.
So sei auf dem benachbarten Schwanberg die von einem Wall geschützte Fläche mit etwa einem Quadratkilometer noch größer gewesen. Allerdings sei dort nach heutigem Kenntnisstand von einer viel geringeren Siedlungsdichte auszugehen. Falkenstein: „Die Größe eines umwallten Siedlungsareals richtete sich ja auch und vor allem nach den natürlichen Gegebenheiten.“
Und wie kamen die damaligen Bewohner, Vorfahren der Kelten, überhaupt darauf, auf den Berg zu ziehen? Die Trinkwasserversorgung war komplizierter und die Felder lagen weiterhin im Flachland. „Unsere Interpretation ist, dass es sich bei den Höhensiedlungen am Maindreieck um eine Art von Karawansereien handelte“, antwortete der Archäologe auf diese Frage. In Zeiten, in denen es statt festen Straßen nur verschlungene Pfade gab, hätten die von Mauern umgürteten Besiedlungen weithin sichtbare Landmarken gebildet. Diese lagen entlang von Handelsrouten im Abstand von 20 bis 30 Kilometern, also einem Tagesmarsch, aufgereiht.
Beim Fernhandel, der von den Bergbaurevieren in den Alpen bis an die Ostsee reichte, ging es vor allem um Metall. So fand sich auf dem Bullenheimer Berg ein Hort aus zwei importierten Kupferbarren, jeder vier Kilogramm schwer. „Die stellten damals gewiss ein Vermögen dar.“ Im Gegenzug nahmen die Bewohner des Berges weite Wege in Kauf, um ihre Äcker und Gärten im Tal zu bestellen.
Woher das Zinn kam, das man neben dem Kupfer für die Bronzeherstellung benötigte, ist noch wenig erforscht. Man gehe aber davon aus, dass in der Bronzezeit ein transkontinentales Handelsnetz bestand, an das auch das heutige Bayern angeschlossen war. Unzählige Funde aus Zinnbronze beweisen das, wie der Experte erläuterte: „In der Bretagne und in Cornwall in Südengland gab es große Zinnlagerstätten, von wo das begehrte Metall wohl bis nach Mykene in Griechenland verhandelt wurde.“
Das Publikum fragte sich außerdem, ob der Bullenheimer Berg Zeuge vieler kriegerischer Auseinandersetzungen war. Auf dem Bergplateau befinden sich prähistorische Wallanlagen von mehr als drei Kilometern Länge, erklärte Falkenstein. Bei den Ausgrabungen am Randwall in den frühen 1980er Jahren wurden bis zu fünf Befestigungsmauern festgestellt, die in der Bronzezeit übereinander errichtet wurden. „Mit unseren aktuellen Ausgrabungen wollen wir diese Ergebnisse mit modernen Grabungsmethoden um einige Details ergänzen.“ So habe eine der älteren Randmauern aus Holzbalken und Erde bestanden. „Aus welchem Grund auch immer wurde diese Mauer gezielt niedergebrannt und die Siedlung daraufhin erstmals verlassen“, erläuterte der Professor.
Die jüngste Befestigungsmauer aus dem 9. Jahrhundert vor Christus wird von einem vorgelagerten Graben begleitet. Auf der damaligen Schauseite im Süden des Bullenheimer Berges war sie besonders mächtig gebaut, doch blieb die Rückseite des Berges im Nordwesten ungeschützt. Deshalb gehen Falkenstein und seine Mitarbeiter davon aus, dass die Mauer vor allem als Prestigebauwerk gedient hat. Trotz eines unbestreitbaren Niedergangs der Ansiedlung am Ende der Bronzezeit fehlen hieb- und stichfeste Beweise für kriegerische Angriffe, sagte er. So wurde die jüngste Befestigungsmauer niemals fertiggestellt, sondern als Bauruine dem Verfall preisgegeben. Allerdings: „Vor wenigen Tagen haben wir tatsächlich eine kleine Pfeilspitze hinter dem Randwall gefunden. Aber ein einziger Pfeil macht noch keinen Krieg.“
Die jetzige Grabung finde auch deshalb am Randwall des Bergplateaus statt, weil diese Stelle als besondere Station eines archäologischen Rundweges geeignet wäre. Falkenstein: „So wollen wir perspektivisch mit einem konservierten Querschnitt des Walles die verschiedenen Befestigungsphasen für die Besucher sichtbar machen.“ Es wäre auch denkbar, ein kleines Stück der ursprünglichen Mauer aus Holz, Steinen und Erde in Originalgröße neu zu errichten. Vorbilder dafür gibt es. Er räumte aber auch ein: „Das wäre ein recht aufwendiges Unterfangen, das gut geplant werden sollte.“