Beim nächtlichen Bankett setzte sich Michael Olise im Gegensatz zu seiner Weltklasse-Gala auf dem Rasen nicht als bestaunter Hauptdarsteller in Szene. Am hintersten Teamtisch, das Gesicht verdeckt vom schwarz-weißen Basecap, lauschte der Bayern-Star der Lobeshymne des Münchner Vorstandschefs. Jan-Christian Dreesen wertete das imposante 6:1 gegen Atalanta Bergamo als „Statement“ in der Champions League. Im rötlichen Saal-Licht bedauerte er gleichzeitig „tragische Verletzungen“.
Der unter Tränen beim Comeback mit einer Muskelverletzung ausgewechselte Alphonso Davies ließ sich zwei Stunden später auf Erinnerungsfotos mit den Bankett-Gästen ein. Jonas Urbig weilte da mit dem Verdacht auf eine Gehirnerschütterung noch im Krankenhaus. Bei Jamal Musiala, der Probleme mit dem im Vorjahr schwer verletzten Fuß hatte, gab Bayern umgehend Entwarnung. Verletzungen seien „schade“, sagte Trainer Vincent Kompany. „Wir dürfen uns das Momentum aber nicht wegnehmen lassen.“
Nach dem Rückflug bestätigte der Verein, dass alle drei Profis vorerst ausfallen werden. Davies erlitt eine Zerrung der hinteren Oberschenkelmuskulatur im rechten Bein. Musiala spürte eine Schmerzreaktion am linken Sprunggelenk. Bei Torwart Urbig bestätigte sich der Verdacht einer Gehirnerschütterung. Eine genauere Prognose, wie lange das Trio fehlen wird, gab es nicht.
Zwei Wochen nach der Dortmunder 4:1-Demontage hatten die Bergamo-Fans mit einem großen Banner „Notti magiche“, magische Nächte, beschworen. Eine solche Nacht erlebten beim 99,9-Prozent-Viertelfinal-Einzug schon eine Woche vor dem Rückspiel in der bayerischen Landeshauptstadt aber nur die Münchner. Besonders dank der großen Bayern-Attraktion Olise. In Abwesenheit des nach Wadenproblemen pausierenden Harry Kane glänzte der Franzose nicht nur in seiner Spezialdisziplin Vorarbeit. Sondern auch als Doppeltorschütze.
„Das Ziel ist, alles zu gewinnen“, sagte der 24-Jährige, der als Spieler des Spiels ans ungeliebte Mikrofon musste. Olise, der sich mit 36 Scorerpunkten an die Spitze aller Flügelspieler aus Europas Top-Fünf-Ligen schob, bescheinigte sich selbst nach einem grandiosen Auftritt, der reif für den Anwärterkreis für den Ballon d'Or war, eine „solide Leistung“.
Das Understatement des für über 50 Millionen Euro im Sommer 2024 von Crystal Palace geholten filigranen Flügelspielers war sicher ganz nach dem Geschmack von Kompany. Olise gehöre schon „zu einem der Besten der Welt“, sagte der belgische Coach.
Kompany ließ mit einem spannenden Vergleich aufhorchen. Es gebe Parallelen bei Olise sowie bei Kompanys Ex-Mitspieler und Landsmann Kevin De Bruyne. „Diese Sucht nach Details, Michael hat das auch, aber das ist noch nicht genug. Wir müssen ihn noch weiter pushen“, sagte der 39-Jährige.
Olise, der im Sonderflieger LH2571 mit den Kollegen eine traumhafte Aussicht auf die Alpen und den Blick auf die Allianz Arena genießen konnte, forderte für das Rückspiel am Mittwoch „dieselbe Mentalität“. Dann fehlt er allerdings ebenso wie Leader Joshua Kimmich, die sich beim Stand von 6:0 die dritte Gelbe Karte abholten. Beide Leistungsträger wären beim Viertelfinal-Kracher gegen Real Madrid oder Manchester City aber wieder dabei.
In Norditalien spielten die Münchner ohne Manuel Neuer und Kane - aber auch ohne diese zwei Weltstars dominierte der FC Bayern beim Sieg nach Treffern von Olise (2), Musiala, Josip Stanisic, Serge Gnabry und Nicolas Jackson nach Belieben. „Wir haben ihnen keine Luft zum Atmen gegeben“, sagte Sportvorstand Max Eberl nach der neben dem 2:1 bei Paris Saint-Germain in der Ligaphase wohl besten Münchner Saisonleistung. Es war eine Machtdemonstration, wenngleich Atalanta trotz des BVB-Triumphs nicht zur allerersten Riege in Europa zählt.
Bergamo-Coach Raffaele Palladino kürte den FC Bayern kurzerhand zur „vielleicht besten Mannschaft der Welt“. Vom Titel in Europas Eliteliga wollten die gerühmten Gäste so früh freilich noch nicht sprechen. „Um die Champions League zu gewinnen, gehört ein bisschen mehr dazu“, sagte Eberl. Imponierend war der titelreife Auftritt aber allemal: Allen voran die Gier, mit dem Toreschießen nie aufhören zu wollen, und die Vehemenz in der Lauf- und Abwehrarbeit.
„Das zeichnet aus meiner Sicht eine echte Spitzenmannschaft aus“, sagte Dreesen, bevor er sich Casoncelli mit Speck und Salbei oder Safranrisotto schmecken lassen konnte. Dank Kompany könne die Mannschaft gar nicht „Larifari“ spielen und werde auch das Rückspiel ernst nehmen, sagte er.
Dass Kimmich und Olise nicht nur im Rückspiel fehlen, sondern es ein Nachspiel gibt, befürchteten die Münchner nicht. Reals Kapitän Sergio Ramos war einst für zwei Partien gesperrt worden, weil er im Achtelfinal-Hinspiel eine Gelbe Karte provoziert hatte. „Generell bin ich schon einer, der jedes Spiel machen möchte“, sagte Kimmich.
Kompany muss erstmal für Bundesliga-Duell am Samstag mit Bayer Leverkusen die nächste Umstellung im Tor vornehmen. Neuer fehlt wegen eines Muskelfaserrisses, Vertreter Urbig mit einer Gehirnerschütterung. Das bringt Sven Ulreich zurück. Der 37-Jährige stand letztmals im September 2024 im Bundesliga-Tor. Bitter ist die nächste Pause für den Kanadier Davies im WM-Jahr. Nach einem Kreuzbandriss aus dem März 2025 fiel er neun Monate es, jetzt ereilte ihn die zweite Muskelverletzung.
© dpa-infocom, dpa:260311-930-801264/2