Bauhaus, Brickman, Berczy Park: Deutsche Spuren in Toronto | FLZ.de

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Veröffentlicht am 21.06.2026 04:07

Bauhaus, Brickman, Berczy Park: Deutsche Spuren in Toronto

Wirkt, wie aus der Zeit gefallen: das alte Rathaus Torontos umgeben von modernen Hochhäusern. (Foto: Christoph Jänsch/dpa-tmn)
Wirkt, wie aus der Zeit gefallen: das alte Rathaus Torontos umgeben von modernen Hochhäusern. (Foto: Christoph Jänsch/dpa-tmn)
Wirkt, wie aus der Zeit gefallen: das alte Rathaus Torontos umgeben von modernen Hochhäusern. (Foto: Christoph Jänsch/dpa-tmn)

In der Liste der 100 größten Städte weltweit taucht sie gar nicht erst auf. Mit rund drei Millionen Einwohnern in der Kernstadt fällt das kanadische Toronto weit abgeschlagen hinter etwa zahlreichen chinesischen und indischen Megacitys zurück. Was aber erstaunlich ist: Toronto gilt trotz der überschaubaren Größe als eine multikulturelle Stadt, die in dieser Hinsicht ihresgleichen sucht.

Sie soll für Menschen aus mehr als 200 verschiedenen Nationen Heimat sein - so viele wie wohl an keinem anderen Ort der Welt gleichzeitig zusammenkommen. Wenig verwunderlich also, dass sich auch deutsche Einflüsse in der Stadt finden - und das schon seit Gründungstagen. 

Rund drei Kilometer Streifzug durch Downtown genügen, um bei der Spurensuche auf einige der prägendsten deutschen Gesichter der Stadt zu treffen. Schlagen wir uns mit Stadtführerin Iris Schweiger von Ost nach West durch und beginnen Adelaide Street East, Ecke Jarvis Street. 

Skulptur von „Inges Idee“

An dieser weitläufigen Ampelkreuzung steht zurückgesetzt eine aus rotem Ziegelstein gefertigte Skulptur: The Brickman. Trotz ihrer Höhe von acht Metern dürfte sie längst nicht jedem sofort ins Auge fallen. Doch dank Schweiger studieren wir sogar die Informationstafel. 

The Brickman stamme aus der Feder von „Inges Idee“, steht da. So nennt sich das vierköpfige, global agierende deutsche Künstlerensemble, das die Figur 2010 im Herzen Torontos ins Leben gerufen hat. Die in Toronto verwendeten roten Ziegel weisen auf die Geschichte des historischen Stadtteils Yorkville hin, in dem die Skulptur heute von Designerboutiquen und historischen Ziegelbauten umgeben steht. Im damaligen Vorort Torontos gab es zahlreiche Ziegeleien, die inzwischen längst verschwunden sind - und The Brickman nimmt darauf Bezug.

Pionier des kanadischen Jugendstils

Weiter geht's quer durch den angrenzenden St. James Park zum Vordereingang der gleichnamigen Kathedrale. Auch hier lassen weder der Name der Kathedrale noch deren Optik auf deutsche Einflüsse schließen. Die gut informierte deutsche Stadtführerin Schweiger, die schon seit vielen Jahren in Toronto lebt, aber weiß: Die heute in Dunkelblau und Gold gehaltene Deckenmalerei im Altarraum der 1807 errichteten Kirche stammt aus der Feder des deutschen Künstlers Gustav Hahn. 

Die Familie Hahn, die aus dem baden-württembergischen Reutlingen stammt, kam 1888 nach Toronto. Gustav Hahn gilt als Pionier des kanadischen Jugendstils. 

Wer nach dem Bestaunen der Deckenmalerei wieder ins Freie tritt, kann zwei Blocks weiter südlich schon den nächsten Deutschen ausmachen - im Berczy Park. Moment, Berczy? Klingt nicht gerade deutsch - der Geburtsname von William Berczy aber schon: Johann Albrecht Ulrich Moll.

Im Laufe seines Lebens änderte der norddeutsche Auswanderer, der 1744 geboren wurde und sich sein Geld zunächst als Porträtmaler verdiente, allerdings mehrfach seinen Namen - unter anderem eben auch in William Berczy, unter welchem er in Toronto deutlich bekannter sein dürfte. 

Mitbegründer Torontos aus Norddeutschland

Denn Berczy - oder Moll - gilt als Mitbegründer Torontos. Als der Tausendsassa Ende des 18. Jahrhunderts nach Kanada kam, brachte er eine Gruppe von rund 200 Siedlern aus Norddeutschland mit. Gemeinsam sollten sie bei der Erschließung des Stücks unbebauter Wildnis helfen, das die Stadt damals noch war.

Der einstige Leutnant des Gebiets, John Graves Simcoe, beauftragte die deutsche Gruppe um Berczy, innerhalb eines Jahres die rund 60 Kilometer lange und noch heute bestehende Yonge Street vom Simcoe See bis ins damalige York, das heutige Toronto, zu bauen. Im Gegenzug wurde ihnen Land zur Besiedelung versprochen.

Weil die Gruppe allerdings parallel auch einige der ersten Häuser, Mühlen, Geschäfte und Brücken baute, verpasste sie die Frist zur Fertigstellung der Yonge Street. Simcoe forderte von den Siedlern daraufhin die Rückgabe des versprochenen Landes und zwang sie so zum Umzug. Auch Berczy verließ die Region.

Von den zahlreichen Bauten der Berczy-Siedler ist heute kaum eines erhalten. Nur die Yonge Street, die später noch fertig gestellt werden sollte, schlängelt sich bis heute von Nord nach Süd durchs ganze Stadtgebiet und teilt die Stadt und deren Straßennamen in Ost und West. 

Mitten im Berczy Park steht ein Brunnen, um den kreisförmig verschiedene Hunde aus Gusseisen platziert sind, die wasserspeiend auf einen goldenen Knochen am höchsten Punkt des Brunnens starren. Der Brunnen hat zwar keinen direkten Bezug zu William Berczy, gilt aber als beliebtes Fotomotiv in Toronto.

Eaton Centre hat deutschen Architekten

Angrenzend an die Yonge Street, nordöstlich des Berczy Parks, steht das Eaton Centre. Das vierstöckige Einkaufszentrum ist mit seinen 230 Geschäften und Restaurants das drittgrößte Kanadas. Der erste Teil des Gebäudekomplexes wurde 1977 eröffnet und bis 1992 wieder und wieder um Bürogebäude erweitert, die bis zu 36 Stockwerke in die Höhe ragen.

Und wo genau liegen hier nun die deutschen Einflüsse? Ganz einfach: Federführender Architekt des gesamten Gebäudekomplexes ist der Deutsche Eberhard Heinrich - Ed - Zeidler, der 1951 nach Kanada emigrierte.

Der Bauhaus-Architekt, der in Weimar und Karlsruhe studierte, verlieh neben dem Eaton Centre auch zahlreichen anderen Plätzen und Großprojekten in Toronto ihr Gesicht. Ed Zeidler selbst verstarb im Jahr 2022 im Alter von 95 Jahren. Seine erschaffenen Entwürfe und sein Architekturbüro samt vier kanadischer Standorte leben indes weiter.

Mies van der Rohe in Toronto

Ed Zeidler war nicht der einzige deutsche Architekt, der in Toronto wirkte. Rund 500 Meter Luftlinie in südöstlicher Richtung steht im Finanzviertel Torontos das Toronto-Dominion Centre, Hauptsitz der gleichnamigen kanadischen Bank. Der Komplex fällt durch seine schwarze Metall- und Glasfassaden ins Auge und erstreckt sich teilweise über 56 Stockwerke.

Für das Bauvorhaben konnte der damalige Präsident der Bank den deutschen Bauhaus-Architekten Ludwig Mies van der Rohe gewinnen. Die Tochter des Bankers überzeugte ihren Vater davon, Mies van der Rohes Stil nach Toronto zu holen, nachdem sie Gebäude von ihm in den USA gesehen hatte, erzählt Schweiger.

Mies war bekannt für seine minimalistische und gleichzeitig tragfähige Haut-und-Knochen-Architektur, die es ermöglichte, vergleichsweise hoch zu bauen. So wurde der 1967 eröffnete Toronto-Dominion Bank Tower mit seinen knapp 223 Metern Höhe seinerzeit das höchste Gebäude Kanadas. Bis 1991 wurden die anderen fünf Gebäudeteile fertiggestellt, vier davon allerdings erst nach dem Tod van der Rohes 1969.

Klaviere und Münzen deutscher Prägung

Nur wenige Schritte weiter östlich auf der King Street West fasste ein weiterer Deutscher Fuß in Toronto: der in Berlin geborene Theodor August Heintzman. Der Klavierbauer kam laut Überlieferung im selben Boot wie Heinrich Engelhard Steinweg Mitte des 19. Jahrhunderts zunächst in New York an. Gemeinsam versuchten sie, einen Klavierbaubetrieb aufzuziehen. Doch sie trennten sich bald. 

Steinwegs Klaviere gehen seitdem als Steinway & Sons um die Welt, Heintzmans selbst fertigte nach seinem Umzug nach Toronto ab 1860 eigene Klaviere an. Bald schon sollten er und seine Angestellten mehr als 60 Klaviere im Jahr in der King Street West bauen. Ehe das Pensum auf bis zu 1.000 Klaviere im Jahr ansteigen konnte, war ein weiterer Umzug nötig. Nach Heintzmans Tod im Jahr 1899 führten dessen Nachfahren den Betrieb weiter, ehe er in den 1980er Jahren verkauft wurde. 

Wer die King Street West nun bis zur Kreuzung der University Avenue hinunterspaziert und dieser dann folgt, stößt auf dem Grünstreifen bald auf eine Statue von Sir Adam Beck. Der in Ontario 1857 geborene Sohn deutscher Einwanderer sorgte als Unternehmer mit dafür, dass die Provinz mit Elektrizität versorgt wurde - das aber nur am Rande.

Kleingeld und Supermarkt

Stärkeren deutschen Bezug hat der Schöpfer der Statue Emanuel Otto Hahn, der jüngere Bruder des erwähnten Künstlers Gustav Hahn, selbst Künstler und Bildhauer. Seine berühmtesten Werke halten die Kanadier noch heute tagtäglich in den Händen: die 10- und die 25-Cent-Münze des kanadischen Dollars, deren Rückseiten Werke des in Reutlingen geborenen Hahn zieren. Auf dem 10-Cent-Stück ist ein Abbild der „Bluenose“, ein bekanntes kanadisches Segelschiff, auf dem 25-Cent-Stück das eines Karibus, nordamerikanischer Vertreter des Rentiers.

Wer auf dem Stadtrundgang Wegzehrung im Supermarkt sucht, findet auch dort deutsche Einflüsse. Neben „Schneiders“-Würsten, die auf den deutschstämmigen Unternehmer J.M. Schneider zurückgehen, sind es vor allem die Backwaren, die einem bekannt vorkommen: Schwarzbrot und Brötchen, Brezeln und Berliner. Selbst Schwarzwälder Kirschtorte gibt es mancherorts zu kaufen. 

Häufig stammen diese Produkte von der Bäckerei Dimpflmeier. Und, na klar: Auch diese wurde von einem Deutschen, Alfons Dimpflmeier, 1957 gegründet. Bis heute hat die Bäckerei ihre Produktionsstätten vor den Toren der Stadt. 

Links, Tipps, Praktisches:

Reiseziel: Toronto ist mit rund drei Millionen Einwohnern die größte Stadt Kanadas und Hauptstadt der Provinz Ontario. Die Stadt liegt am nordwestlichen Ufer des Ontariosees im Südosten Kanadas.

Anreise: Nonstop-Flüge aus Deutschland gehen täglich von München und Frankfurt nach Toronto.

Reisezeit: Die beste Reisezeit für einen Städtetrip nach Toronto ist zwischen Mai und Oktober. Vor allem im Juli und August kann es in der Stadt sehr heiß und schwül werden. Ab September gibt es Chancen auf den Indian Summer mit seiner schönen Herbstfärbung.

Unterkunft: Im Stadtzentrum Torontos gibt es zahlreiche Hotels und Hostels. Wem es nichts ausmacht, in Mehrbettzimmern mit anderen zu nächtigen, kann etwa ab 50 Euro unterkommen, Hotelzimmerpreise starten eher bei 150 Euro.

Währung: Ein Kanadischer Dollar entspricht rund 0,60 Euro.

Unterwegs in der Stadt: Die zweistündige Stadtführung mit Iris Schweiger mit Schwerpunkt deutscher Einflüsse in Toronto kostet 300 Kanadische Dollar für bis zu 25 Personen (Anfragen per Mail an tours@schweiger.ca).

Weiterführende Informationen: destinationtoronto.com

© dpa-infocom, dpa:260621-930-256334/1


Von dpa
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