Ansbacher Tatort: Wie entsteht die Welt hinter den Schauspielern? | FLZ.de

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Veröffentlicht am 24.05.2023 07:00

Ansbacher Tatort: Wie entsteht die Welt hinter den Schauspielern?

Johannes Hentschel (André Jung) und Anna Hentschel (Marita Breuer). Die Szene im Anwesen der Industriellenfamilie wurde auf Schloss Dennenlohe gedreht. (Foto: BR/X Filme Creative Pool GmbH/Hendrik Heiden)
Johannes Hentschel (André Jung) und Anna Hentschel (Marita Breuer). Die Szene im Anwesen der Industriellenfamilie wurde auf Schloss Dennenlohe gedreht. (Foto: BR/X Filme Creative Pool GmbH/Hendrik Heiden)
Johannes Hentschel (André Jung) und Anna Hentschel (Marita Breuer). Die Szene im Anwesen der Industriellenfamilie wurde auf Schloss Dennenlohe gedreht. (Foto: BR/X Filme Creative Pool GmbH/Hendrik Heiden)

Soll der Raum düster oder fröhlich wirken? Ist der Protagonist schlampig oder ein Ordnungsfanatiker? Das Szenenbild transportiert Stimmungen, spiegelt Charaktereigenschaften. Debora Reischmann war als Szenenbildnerin für den neuen „Tatort Franken“ verantwortlich, der auch im Ansbacher FLZ-Haus gefilmt wurde. Im Interview erzählt sie von der Suche nach Drehorten rund um Ansbach.

„Hochamt für Toni“ ist der erste „Tatort“, den Sie als Szenenbildnerin betreuen. Was hat Sie daran gereizt?

Ich habe schon als Assistentin viele Krimis gemacht. Bei „Hochamt für Toni“ fand ich die Geschichte sehr spannend, weil es nicht der klassische Weg ist, bei dem ein Mord passiert und ermittelt wird. Stattdessen hat die Geschichte viel mit der Vergangenheit zu tun. Die Rückblicke fand ich sehr spannend und dass das Private im Vordergrund stand.

Wie wird man Szenenbildnerin?

Man kann unterschiedliche Wege gehen. Ich habe als Praktikantin früh in der Szenenbildabteilung angefangen und über viele Jahre hinweg Erfahrung gesammelt. Dann bin ich von der Assistenz zur Szenenbildnerin aufgestiegen. Man kann auch zuerst Szenografie, Architektur oder ein anderes gestalterisches Studium absolvieren. Trotzdem fängt man immer als Praktikant an, weil man Berufserfahrung benötigt.

Worin unterscheidet sich das Szenenbild eines Films vom Bühnenbild am Theater?

Eine Bühne wirkt oft zweidimensional, weil sie nur von vorne gesehen wird, und beim Szenenbild redet man von 360 Grad: Räume, Häuser, Landschaften, Straßen, Wälder – jedes Motiv in einem Film gehört dazu. Das Szenenbild ist die ganze Welt hinter den Schauspielern.

Für was genau sind Sie am Set zuständig?

Ich bin die Abteilungsleiterin und der kreative Kopf. Aber ich hab’ ein großes Team und mach’ das nicht alleine. Es gibt die Assistenz, die Außenrequisite, die eher für die Spielrequisiten und Autos zuständig ist. Die Innenrequisite ist den ganzen Tag am Set und macht den letzten Feinschliff. Dann hab’ ich noch ein großes Bauteam.

Wie viel Gestaltungsspielraum haben Sie und Ihr Team?

Im Rahmen des Budgets sehr viel. Natürlich spricht man sich mit Regie und Kamera und den Produzenten ab, aber erstmal denke ich mir etwas aus, und das wird dann in Absprache so gemacht.

Wie wichtig sind Details?

Sehr, sehr wichtig. Durch ein Detail definiert man einen Charakter. Je detaillierter das Szenenbild ist, umso echter wirkt die Rolle und das Gefühl, das die Szene transportieren soll. Das kann man gut mit kleinen Requisiten unterstützen oder auch nur mit der Wandfarbe. Zum Beispiel: Eine ängstliche ältere Dame ist in ihrer Wohnung, die etwas Zerbrechliches und Ungeschütztes hat. Die Farben an den Wänden sind hell, aber mit Patina, die Möbel zart und eher geradlinig, die Stoffe leicht und halbtransparent, um die Schutzlosigkeit zu zeigen. Die Angst und Zerbrechlichkeit könnte man mit einer Glasfiguren-Sammlung unterstützen.


Durch ein Detail definiert man einen Charakter.

Debora Reischmann

Sind Sie auch für die Suche nach den verschiedenen Drehorten verantwortlich?

Wir arbeiten mit Scouts, aber ich fahr’ auch gern selbst los, weil das viel mit der Entwicklung des Szenenbilds zu tun hat. Manchmal kann man nicht genau beschreiben, was man möchte. Dann ist es einfacher, man nimmt sich die Zeit.

Wie sind Sie denn auf Ansbach und speziell auf das Verlagshaus der FLZ als Drehort gekommen?

Das Hauptmotiv und das, was am schwierigsten zu finden war, ist das Schloss in unserer Geschichte. Eine Scouterin hat viele Schlösser in Franken fotografiert. Dann hab’ ich eine Vorauswahl getroffen und sie angeschaut. Dabei kam schnell heraus, dass Dennenlohe gut funktionieren könnte. Anschließend habe ich geschaut, was drumherum ist. Kann man diese Welt dort erschaffen? Man muss ja gucken, dass man im Umkreis bleibt. So war ich schnell in Ansbach und habe das Zeitungsgebäude von außen gesehen. Die Scouterin hat dann angefragt und Fotos gemacht.

Was war für Sie das Reizvolle am FLZ-Gebäude?

Die Zeitung ist der absolute Oberknaller. Leider gibt es in unserer Welt nicht mehr viele Gebäude, die so einen alten Charme haben. Oft werden solche Häuser weggerissen, weil die Sanierung zu aufwendig ist. Dabei hat das Gebäude super-viel Charme. Ich könnt’ da noch mehr Filme drehen. Die Raumaufteilung ist toll und auch, wie das Licht fällt.

Welche Szenen wurden dort gedreht?

Wir konnten drei unterschiedliche Geschichten erzählen. Ich hab’ mich sehr über einen Kellerraum gefreut und gedacht: Da kann ich mein Polizeipräsidium reinbauen. Dann gab es den Berliner Club, und ursprünglich hatten wir im Drehbuch noch das Büro einer Anwältin. Weil ich aber das Entree des Hauses so toll fand, haben wir kurzerhand das Buch angepasst, und das Gespräch hat dort stattgefunden.

Wie schwierig war es, diese Räume in eine Disco respektive ein Präsidium zu verwandeln?

Das war nicht so schwierig. Wir haben alles ausgeräumt, gereinigt, foliert, gestrichen und eingerichtet. Das Bauliche hat zwei Tage gedauert, das Einrichten haben wir an einem Tag gemacht. Aber das ist eigentlich das klassische Maß an Aufwand.

Wenn Sie unterwegs sind, denken Sie dann häufiger „Das wäre eine tolle Szenerie für einen Film“?

Ja, das ist eine Berufskrankheit. Ich hab’ mir angewöhnt, bei Google Maps Stecknadeln zu setzen. Auch wenn ich dazu keine Zeit habe, fällt mir der Ort wieder ein, wenn ich ein Drehbuch lese.

Wie und wo finden Sie Materialien und Requisiten?

Es gibt einige Fundi in Deutschland, wo man Möbel und Requisiten aus jeglichen Epochen ausleihen kann. Das sind riesengroße Hallen voller Möbel, Stoffe, Kissen und anderem. Ich arbeite auch gern mit Ebay Kleinanzeigen. Ansonsten sollte man mit den Leuten vor Ort sprechen: Antiquitätenhändler, Büromöbelverleiher oder -verkäufer. Oder man fragt bei Möbelhäusern nach Ausstellungsstücken. Da muss man einfach ein bisschen frech sein.

Was passiert hinterher mit den Requisiten, die Sie extra angeschafft haben?

Oft versuche ich, sie wieder zu verkaufen – über das Internet, ans Team oder an Leute, die Interesse zeigen. Die anderen Sachen bringe ich in Sozialkaufhäuser.

Haben Sie schon mal etwas als Erinnerung behalten?

Ja, aber das mach’ ich nicht oft. Man hat immer so tolle Stücke, aber den Platz dafür hat man ja gar nicht. Tatsächlich hab’ ich es gern leer daheim, weil mein Berufsleben so voll ist mit Möbeln, Farben und Requisiten. Behalten habe ich einen großen Neonschriftzug, auf dem „Melusine“ zu lesen ist, das ist eine mythische Sagengestalt. Er stammt aus dem Film „Freibad“, einem anstrengenden, aber tollen Projekt, das sehr wichtig für meine persönliche Entwicklung als Szenenbildnerin war.

Lüften Sie doch bitte ein gut gehütetes Geheimnis: Waren die Flaschen in der Bar des Clubs eigentlich leer?

Also, Alkohol gab’s keinen. (Sie lacht.) Die Komparsen haben aber schon was Echtes zu trinken gekriegt. Wenn die Flaschen eindekoriert sind, ist meistens Alkohol drin. Da müssen wir beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen natürlich die Etiketten ändern. In Flaschen, mit denen gespielt wird – zum Beispiel, wenn jemand etwas ausschenkt oder daraus trinkt – sind immer alkoholfreie Sachen drin, manchmal einfach nur Wasser.

Zu den Dreharbeiten im FLZ-Haus gibt es auch eine Bildergalerie sowie einen ausführlichen Hintergrundbericht.

„Hochamt für Toni“ wird am Sonntag, 4. Juni, um 20.15 Uhr in der ARD ausgestrahlt. Zu diesem besonderen Anlass öffnen auch die ehemaligen Regina-Lichtspiele in Feuchtwangen ihre Pforten. Der Verein KulturKino Feuchtwangen bietet ein „Rudelgucken“ an. Vor der Ausstrahlung des Films werden im Kino Bilder unseres FLZ-Fotografen Jim Albright vom Dreh gezeigt. Einlass ist am 4. Juni um 19.30 Uhr. Der Eintritt ist frei.


Andrea Walke
Andrea Walke
... ist Redakteurin in der Lokalredaktion Ansbach und seit Dezember 2012 bei der FLZ. Sie fühlt sich in Rathäusern genauso wohl wie in Gerichtssälen und trifft am liebsten Menschen, die eine interessante Geschichte zu erzählen haben. Seit 2017 betreut sie redaktionell die Aktion "FLZ-Leser helfen".
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