Ansbacher Studie zum DFB: Experten halten Verband für intransparent und Fan-fern | FLZ.de

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Veröffentlicht am 18.11.2025 11:57

Ansbacher Studie zum DFB: Experten halten Verband für intransparent und Fan-fern

Prof. Dr. Jana Wiske und Kollege Tim Frohwein bei einem ihrer Besuche in der DFB-Zentrale in Frankfurt. (Foto: Selfie)
Prof. Dr. Jana Wiske und Kollege Tim Frohwein bei einem ihrer Besuche in der DFB-Zentrale in Frankfurt. (Foto: Selfie)
Prof. Dr. Jana Wiske und Kollege Tim Frohwein bei einem ihrer Besuche in der DFB-Zentrale in Frankfurt. (Foto: Selfie)

Einst war Dr. Jana Wiske Sportjournalistin beim Kicker in Nürnberg: 2. Liga, 3. Liga, die Popularität des Frauenfußballs steckte noch in den Kinderschuhen. Doch seit 2017 ist die 50-Jährige Professorin für PR und Unternehmenskommunikation an der Hochschule Ansbach. Für sie ein Traumjob: „Ich habe meine Erfüllung gefunden.”

Und doch: „Ausbilden ist schön. Aber hin und wieder fehlt mir der Sportjournalismus schon.” Darum wollte sie ihre Nähe zum Sport und vor allem zum Fußball nutzen und einmal wissenschaftlich eine der größten Säulen des Landes analysieren: den Deutschen Fußball-Bund (DFB). Wiske erklärt ihre Motivation: „Fußball ist eines der letzten Lagerfeuer des Landes, ein gesellschaftlicher Ankerpunkt.” Stimmen die alten Klischees? Oft wird dem DFB wenig Interesse am Amateurfußball nachgesagt. Er sei intransparent, nimmt die Basis nicht mit.

Neuer Ansatz: Nicht breite Masse, sondern Fachleute befragen

Nun sind diese Vorwürfe nicht neu. Studien, wie der DFB in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, gibt es zuhauf. Aber bei öffentlichen Befragungen sind oft die Unzufriedenen die Lautesten, die Ergebnisse nicht unbedingt repräsentativ. Darum verfolgte Wiske mit ihrem Kollegen Diplom-Soziologe, Fußballforscher und Journalist Tim Frohwein einen anderen Ansatz: „Wir wollten 100 Stakeholder, Vertreter unterschiedlicher Anspruchsgruppen, über einen Zeitraum von drei Jahren zu Wort kommen lassen und sehen, wie sich ihre Wahrnehmung jährlich verändert.” Dazu gehörten ehemalige Spieler, Politiker, Sponsoren, Schiedsrichter und viele weitere. Auch Fan-Vertreter und Anhänger anderer Sportarten wurden eingebunden. Wiske und Frohwein stellten einen Quotenplan auf: Große Interessensgruppen sollten mit zehn Repräsentanten besetzt sein, kleinere mit fünf.

Darunter finden sich bekannte Namen wie Julian Draxler, Thomas Hitzlsperger oder die ehemalige Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus-Webb, die nun bei der Fifa arbeitet. Aus Mittelfranken machten der Kapitän der Spielvereinigung Ansbach, Tobias Dietrich, und der ehemalige Aufsichtsrat des 1. FC Nürnberg, Maximilian Müller, mit.

Die Fragen behandelten Themen, wie der gegenwärtige Zustand des DFB eingeschätzt wird, wie die Haltung der Befragten gegenüber der Organisation ist oder wie der DFB erfolgreich in die Zukunft geführt werden kann. Die Antworten waren anonymisiert, sodass auch Wiske und Frohwein nicht wussten, wer wie geantwortet hatte.

DFB gilt als intransparenter, Fan-ferner Profi-Vertreter

Zentrale Ergebnisse der Studie „Wir sind Fußball” nach drei Jahren Forschung waren: Fair Play und Vielfalt haben hohe Werte. Die Zustimmung zu „Der deutsche Fußball hat eine hohe Bedeutung für die Gesellschaft im Inland“ bleibt stabil. Das Image hat sich in den drei Jahren deutlich verbessert. Der DFB gilt mit 63 Prozent als Interessenvertretung vor allem für den Leistungsfußball. Aber: Nur 17 Prozent der Befragten empfinden den DFB derzeit als nah an den Fans – ein Rückgang gegenüber 2024 mit 22 Prozent, aber deutlich besser als 2023 mit nur zwei Prozent. Und nur zwischen zwei und sechs Prozent sehen den DFB als transparent an.

Aber wie repräsentativ ist so eine Studie, mit solchen Schwankungen wie bei der Fannähe? Lassen solch persönliche Eindrücke von 100 Befragten aus vollkommen verschiedenen Interessensgruppen überhaupt einen allgemeinen Rückschluss zu? Wiske denkt schon: „Es lassen sich klare Tendenzen erkennen.” Gerade bei der Transparenz und der Fannähe käme der DFB nicht gut weg und dies zog sich durch alle Fragebögen hindurch. Auch war die kleine Stichprobe ja eine Absicht: „Wir wollten Experten mit einem differenzierten Blick.”

Sie räumt ein, dass die Euphorie und die trotz des umstrittenen Ausscheidens schon im Viertelfinale erfolgreiche Heim-Europameisterschaft die Einstellung der Befragten zum DFB 2024 positiv gepusht hätten. 2025 ging dieser Effekt wieder zurück. Nach der verpatzten WM 2022 waren die Basiswerte 2023 eher niedrig.

Einladungen zum DFB nach Frankfurt

Auf die Veröffentlichung hat sie viel Feedback bekommen. Sogar der DFB hat Wiske und Frohwein zweimal nach Frankfurt in den Hauptsitz eingeladen, um darüber zu sprechen: „Es war konstruktiv mit viel Diskussion.” Die einzelnen DFB-Vertreter hätten unterschiedlich reagiert: Manche störten sich an Darstellungen, andere hätte die Art der Befragung nicht gefallen. Wiske kommentiert: „Aber wir machten ja keine Auftragsarbeit für den DFB. Und generell wurde unsere Anstrengung gewürdigt.” Grundsätzlich freut sich Wiske über diese Wertschätzung: Im Vergleich zu früher sei der DFB viel offener gegenüber der Wissenschaft.

Die Studie war von vornherein auf drei Jahre ausgelegt. Für Wiske gilt sie nun als abgeschlossen – vorerst: „Es wäre schön, wenn jemand die Studie in ein paar Jahren einmal aufgreift und fortführt. Sie ist eine gute Basis für weitere Forschungen.” Aber aktuell fehlt ihr die Zeit dafür. Unter anderem wird Wiske ab dem Sommersemester 2026 den Studiengang Spitzensportler an der Hochschule Ansbach betreuen. Doch irgendwann, räumt sie ein, kann sie sich vorstellen, auch die Studie selbst wieder aufzugreifen.

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