Ansbacher Leselust: Donald Trump als Egomane mit größtmöglicher Aufmerksamkeit | FLZ.de

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Veröffentlicht am 29.04.2025 17:01

Ansbacher Leselust: Donald Trump als Egomane mit größtmöglicher Aufmerksamkeit

Stephan Bierling beobachtet Donald Trump genau. Zur Ansbacher Leselust hatte er auch etwas Hoffnung mitgebracht.  (Foto: Martina Kramer)
Stephan Bierling beobachtet Donald Trump genau. Zur Ansbacher Leselust hatte er auch etwas Hoffnung mitgebracht. (Foto: Martina Kramer)
Stephan Bierling beobachtet Donald Trump genau. Zur Ansbacher Leselust hatte er auch etwas Hoffnung mitgebracht. (Foto: Martina Kramer)

Die diesjährige Auftaktveranstaltung der LeseLust hatte es gleich in sich: Der Politikwissenschaftler Stephan Bierling beleuchtete die ersten 100 Tage von Donald Trumps zweiter Amtszeit als Präsident der USA. Er ist für ihn „eine Marionette Putins“.

Im Herbst 2024 veröffentlichte der renommierte Wissenschaftler für internationale Politik, der an der Universität Regensburg lehrt, sein Buch „Die Unvereinigten Staaten“. Seine Analyse hat er inzwischen mehrfach anpassen müssen; er ist sich bewusst, dass auch die jetzige Ausgabe nicht mit dem rasanten Wandel unter Trump Schritt halten kann. „Dieses Unstete ist das eigentliche Programm Trumps“, sagt der auch im Fernsehen viel befragte Experte und emsige Vortragsreisende.

Stephan Bierling zieht die freie Ansprache der Lesung aus dem Buch vor, wohl auch weil es einfach aktueller ist. Und er erweist sich als brillanter, geistreicher, verständlicher Redner, der sein Publikum in kürzester Zeit zu begeistern vermag.

Analyse mit schmerzhafter Präzision

Überzeugungsarbeit muss er bei diesem Thema allerdings nicht leisten. In rund 70 Minuten enthüllt er Erhellendes, Ernüchterndes, gar Erschütterndes über die noch so frische Präsidentschaft Trumps in einer beinahe schon schmerzhaften Präzision und Klarheit.

Trump hat ein Ziel bereits jetzt erreicht, so Bierling: Er ist der Mensch, dem in der Welt die größte Aufmerksamkeit zukommt. Ein Egomane, ein Narzisst, ein Selbstgerechter, der sogar Putin blass aussehen lässt. Oberflächlich betrachtet.

Wer allerdings bei diesem ungleichen Paar am längeren Hebel sitzt – da lohnt die nähere Betrachtung. „Es gibt eine Akte Trump, die Putin in den Händen hält, da bin ich mir sicher“, sagt der Politik-Experte. „Trump ist eine Marionette Putins.“

Denn als dieser in den 1980er-Jahren in die damalige UdSSR reiste, um ein großes Bauprojekt zu lancieren, müsse etwas geschehen sein. Seit dieser Zeit – im sogenannten Kalten Krieg – habe sich der Immobilen-Mogul auffällig positiv über die Sowjetmacht geäußert. „Es gibt deutliche Hinweise, dass er sich aufgrund seines Verhaltens für den KGB erpressbar gemacht hat und dass es darüber eine Akte gibt. Doch an die kommt man natürlich nicht heran.“

Rastlos und unberechenbar

Trump wirbelt die Weltpolitik durcheinander wie kein US-Präsident vor ihm. Auch innenpolitisch sorgt er für zunehmende Verwirrung. Mit seiner Rastlosigkeit und Unberechenbarkeit schafft er es, immer die Nase vorn zu haben. Bevor der Kongress, die Gerichte oder gar seine Partei reagieren könnten, habe er bereits ein neues Dekret vom Stapel gelassen.

Mit dieser Rasanz schaffe er Abhängigkeiten, regiere er ausschließlich nach seinem Gutdünken. Er verteile Gunstbeweise und sende Hassbotschaften vornehmlich intuitiv und schaffe damit im Grunde mafiöse Strukturen. „Deshalb trifft es nicht ganz, wenn man in ihm einen angehenden Diktator im klassischen Sinne sieht. Er ist eher ein Pate“, so Bierling.

Eigene Gesetze der Wirtschaft

Die Lage, so ernst sie scheint, sei doch nicht ganz hoffnungslos, gibt Bierling seinen angespannten Zuhörern mit auf den Weg. „Ein Faktor, den Trump nicht in der Hand hat, ist die Wirtschaft, und da insbesondere die Börse.“ Deren jüngste heftige Ausschläge waren deutlich.

Auch die Umfragewerte Trumps befinden sich im Sinkflug wie seit Eisenhower nicht mehr. „Die Realität hat ihre eigenen Gesetze. Sie fungiert heute als die eigentlichen Checks and Balances.“ Ein schwaches Licht am Ende des Tunnels, ein Hoffnungsschimmer, den Bierling den Zuhörern seines packenden Vortrages mit auf Weg geben kann.

Gut über eine Stunde dauerte sein Vortrag, nur wenige Publikumsfragen konnten am Ende noch beantwortet werden. Die wichtigsten Punkte seiner aktuellen Einschätzungen hatte er vorab in einem Interview mit der FLZ erklärt.


Von Martina Zumach
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