Während seiner Intendanz in Ansbach war Axel Krauße ständig mit Krisen konfrontiert. Corona war nur der Anfang. Trotzdem sind großartige Inszenierungen entstanden. Im Interview blickt er zurück und erklärt, wieso er die Schließung des Theaters für längst beschlossen hält.
Als Jürgen Eick, der Gründungsintendant des Ansbacher Theaters, das Haus verließ, hat er einen Spruch aus einer französischen Filmkomödie adaptiert: In Ansbach weine man zweimal. Herr Krauße, wie oft haben Sie geweint?
Den Spruch kenne ich, aber wahrscheinlich bin ich atypisch veranlagt. Ich habe nicht geweint, als ich hergekommen bin. Und ich weine zum Abschied nicht. Zwischendrin hätte man … Mir ist eher zum Weinen zumute, wenn ich an die Situation des Theaters denke.
Da kommt viel zusammen: Sparzwang, Saalschließung, die Genossenschaftsstruktur und deren Reform, Umbau, fehlende Ausweichspielstätte. Und über allem schwebt die Kämmerer-Idee, dass ein Gastspielbetrieb billiger wäre. Passen Ansbach und Theater doch nicht zusammen?
Ich finde immer noch: Ansbach ist eine tolle Stadt. Man kann hier eigentlich sehr gut Theater machen, wenn es nicht ein paar Widrigkeiten gäbe, die scheinbar unlösbar sind oder die sich jetzt potenzieren. Hier wurde seit 2007 sehr viel aufgebaut. Ich glaube, wir haben auch sehr viel erreicht in den vergangenen fünf Jahren. Schade ist, dass das eigene Theater, zumindest bei bestimmten Kreisen der Stadtverwaltung und der Politik, so wenig Anklang findet.
Und beim Publikum?
Da ist es ganz anders. Das ist zumindest die Erfahrung, die wir machen. Das Publikum ist weiter, es will nicht immer nur flache Unterhaltung, sondern, dass man Themen aufgreift, erlebbar macht, zusammen bespricht, diskutiert, mal die Perspektive wechselt. Wir waren da auf einem ziemlich guten Weg, bis man uns mit der Schließung des großen Hauses den Stecker gezogen hat. Das ist extrem bedauerlich. Und auch, wie sich das jetzt wieder in die Länge zieht, ist traurig. Da kann man weinen.
Lange Bauzeiten gibt es nicht nur in Ansbach.
Das ist symptomatisch für das ganze Land. Zeit scheint keine Rolle zu spielen. Und in Ansbach erst recht nicht. Der Saal: Unverändert. Steht er da. Das Einzige, was gemacht wurde, ist: begutachten, begutachten, begutachten. Dass Zeit ein Faktor ist, scheint nicht im Bewusstsein zu sein. Wenn es zu lange dauert, ist das Theater weg.
Ist denn eine Mittelstadt wie Ansbach groß genug für einen Stadttheaterbetrieb?
Das ist immer die Frage. Es gibt Städte, die kleiner sind und größere Theater haben. Und es gibt Städte, die größer sind und kein Theater haben. Weil um Ansbach herum nicht so viel ist, etwa wenn man in Richtung Westen schaut, bin ich überzeugt, dass Theater hier eine Chance hat. Und wir haben jetzt Gott sei Dank die Bestätigung von außen durch das Actori-Gutachten. Es war, glaube ich, gar nicht im Sinne des Auftraggebers, der Ansbacher Stadtverwaltung, dass wir derart positiv abschneiden und mit deutlich weniger Personal deutlich mehr erreichen als vergleichbare Häuser, zum Beispiel was Einspielergebnisse, Publikumsbindung oder Publikumsdurchmischung angeht. Wer hätte es gedacht: Wir stehen sehr gut da. Eine „Stärke-Schwäche-Analyse“ des Theaters von Kulturreferentin Nadja Wilhelm vorher kam dagegen zu einer ganz anderen, sehr negativen Bewertung des Theaters. Aber mir ist natürlich klar: Die Kommunen haben einen enormen Druck. Und da stellt sich die Frage: Wo spart man?
Axel Krauße, Jahrgang 1971, arbeitete nach dem Studium der Geschichtswissenschaften zunächst als Regieassistent und Regisseur. Von 2007 bis 2018 leitete er das Zimmertheater Tübingen. 2020 übernahm er die Intendanz in Ansbach. Nun wechselt er nach Wolfsburg. Ab 1. September ist er Intendant des Scharoun Theaters, einem der größten Gastspielhäuser in Deutschland. Zu seinen Aufgaben dort gehört, eigene Produktionen zu entwickeln.
Der Etat des Ansbacher Theaters ist klein. Überall steigen die Kosten. Wo lässt sich sparen?
Mehr jedenfalls nicht. Das Theater ist unterfinanziert. Daher habe ich immer darum gebeten, dass die Stadt einfach sagt, ob sie das Theater haben will und es sich leisten kann oder nicht. Und wenn der Stadtrat feststellt, es geht leider nicht, wir hätten es gerne, aber wir können es uns nicht leisten – dann ist das ja auch okay, es ist wenigstens offen und ehrlich. Aber die Antwort lautet immer: Nein, nein, wir wollen das Theater schon haben und wir stehen voll dahinter. Seht doch, wie viel Geld wir dafür ausgeben. Wie kann man nur zweifeln? Aber im Zweifelsfall handelt die Stadt anders.
Wieso? Aus Ahnungslosigkeit?
Am Ende des Tages, glaube ich, ist schon lange beschlossen, dass man das Haus, so wie er jetzt dasteht, als eigenproduzierendes Theater mit Ensemble, abwickelt. Aber letztlich will es keiner gewesen sein. Eigentlich geht es nur noch darum, dass niemand schuld ist.
Das klingt nach einer Verschwörungstheorie.
Ich weiß, aber die Muster sind offensichtlich. Nach Corona fing die erste Kürzungsdebatte an. Im August 2022 kriegte ich den ersten Brief des Oberbürgermeisters, dass wir uns in Zukunft mit einer Kürzung von etwa 30 Prozent anfreunden sollten. Dann war auch von der Umstellung auf Gastspielbetrieb die Rede. Die Medien griffen es auf. Die Aufregung war groß. Man zog zurück. Aber seit dieser Zeit ist dieser Versuch immer wieder da und letzten Endes sind es immer die gleichen Reflexe, die abgespult werden.
Die da wären?
Man probiert jedes Jahr, das Theater einzuengen, kleiner zu kriegen, indem man Kosten nicht mehr übernehmen will, die Miete erhöht et cetera, ihm neue Aufgaben zuschiebt, die mit Theater gar nichts zu tun haben und versucht, den Zugriff aufs Haus zu bekommen. Dass die Touristinfo ins Foyer soll, ist ein Schritt in diese Richtung – wenn es Protest gibt, lässt man es wieder sein, weil der Topf noch zu heiß ist. Aber man fasst ihn immer wieder an, bis er abgekühlt ist. Ich glaube, dass das eine Strategie ist.
Ihre acht Thesen zur Zukunft des Theaters in Ansbach gehen in diese Richtung. Wie stellen Sie sich gute Kulturpolitik vor?
Sie muss bei allem, was sie tut, die Freiheit der Kunst beachten. Das gilt für alle Künste. Sie muss nicht lenken, steuern, empfehlen, anordnen, reinquatschen. Die Künstler, die Profis, wissen selbst, was Kunst ist. Kulturpolitik dagegen muss Räume schaffen, in denen etwas gedeiht, etwas möglich und ermöglicht wird.
In Ihren fünf Jahren als Intendant gab es keine Saison ohne Krisen, globalen und lokalen. Wie hätten Sie bei genügend Freiraum Publikum gewonnen?
Nach Corona wollten wir das Große Haus wieder füllen. Das ist der Schlüssel. Man muss sich klarmachen: Das, was für Dinkelsbühl die Freilichtbühne oder für Feuchtwangen der Kreuzgang ist, ist für Ansbach das Große Haus. Es ist die Haupteinnahmequelle und bietet große Chancen. Die Frage ist: Was braucht man dafür? Wir wollten ein paar exemplarische Beweise abliefern. Deswegen haben wir Dreigroschenoper gemacht, die auch sehr gut funktioniert hat. Unter dem Strich war sie für eine Dreigroschenoper extrem günstig, für Ansbach aber extrem teuer, dafür hat sie aber auch extrem viel eingespielt. Sie hat daher nur ein kleines Minus gemacht, so wie sonst eine kleine Produktion, aber deutlich mehr Publikum erreicht.
Was hat die Dreigroschenoper nun grundsätzlich bewiesen?
Dass man ab und zu ins Risiko gehen muss, wenn man etwas erreichen will. Der Plan war, den Februar als festen Musical-Zeitraum zu etablieren. Wir hätten damit eine ähnliche zugkräftige Position wie das Weihnachtsmärchen schaffen können. Aber dann wurde uns das Große Haus geschlossen und wir mussten wieder Konzepte für kleine Räume entwickeln. Das ist ein Beispiel dafür, dass meine Arbeit hier leider unvollendet bleiben muss. Wie gesagt: Man könnte in Ansbach sehr gut Theater machen. Es ist alles da. Noch.
Axel Krauße sieht sich als einen Optimisten. Er hat darum bei seiner Abschiedsrede acht Thesen aufgestellt, wie es mit dem Theater Ansbach weitergehen wird. Sie sind pointiert – und pessimistisch. Der Intendant hofft aber, Unrecht zu haben: „Liebe Ansbacherinnen und Ansbacher widerlegen Sie mich!“