Die letzte Woche im April war für Florian Bremm eine Ruhewoche. Ruhewoche bedeutet, dass der Colmberger Langstreckenläufer weniger als 120 Kilometer im Training zurücklegt. Es ist in gewisser Weise die Ruhe vor dem Sturm. Denn ab 30. April geht es für den 23-Jährigen um die Qualifikation für die Europameisterschaft über 5000 Meter.
Gleich nach dem Titelgewinn über die 3000 Meter bei den Deutschen Hallenmeisterschaften in Leipzig im Februar setzte sich Bremm in den Flieger nach Südafrika. Drei Wochen Grundlagentraining waren angesagt, in Dullstroom, einem Dorf mit ein paar hundert Einwohnern auf 2000 Metern, gelegen ungefähr auf halber Strecke zwischen Johannesburg und dem Kruger Nationalpark.
Eben dieser war ein Ausflugsziel für die Trainingsgruppe, zu der auch Hindernisläufer Niklas Buchholz, nebenbei gelegentlich für die Volleyballer des TSV Dinkelsbühl aktiv, gehörte. Dort wurden die flinken Läufer eines Leoparden ansichtig, worauf die Idee entstand, das bis auf über 50 km/h beschleunigende Tier zu einem Wettlauf herauszufordern.
Klappte natürlich nicht. Der gepunktete Vierbeiner trollte sich irgendwann gelangweilt und die Zweibeiner hätten mächtig Stress mit den Parkrangern riskiert, wären sie tatsächlich aus ihrem Fahrzeug geklettert und plötzlich zu Fuß durch die Steppe getigert. Wobei ein Löwe auf der Jagd vielleicht für eine ganz neue Note im sonst eher gleichförmigen Trainingsalltag und eventuell sogar für neue Geschwindigkeitsrekorde gesorgt hätte.
So musste Bremm sein Trainingspensum in Südafrika ohne tierischen Konkurrenten durchziehen, was aber am Erfolg nichts änderte. Neben den vielen, vielen Kilometern auf Straßen, Wegen und einer Grasbahn dort (etwa 185 Kilometer pro Woche) wurde auch die Aufnahme von mindestens 5000 Kalorien am Tag zur Herausforderung. „Irgendwann wurde Essen Teil der täglichen Arbeit“, sagt Bremm.
Dem Grundlagentraining in Südafrika folgte ein weiteres Trainingslager in Italien. An der Adriaküste in der Nähe von Ravenna ging es, begleitet von Trainerin Melanie Jäger, „um den Umstieg auf Renngeschwindigkeit“. Auch diesen Teil der Vorbereitung absolvierte Bremm ohne Verletzungen oder andere Probleme und sagt nun: „Das war der beste Aufbau, den ich jemals hatte“.
Wird er brauchen, schließlich will der Deutsche Meister über 5000 Meter dieses Jahr so schnell laufen wie nie zuvor.
Um für die Europameisterschaft nominiert zu werden, muss Bremm seine Bestzeit (13:30 Minuten) um mindestens zehn Sekunden verbessern.
Die EM-Norm steht bei 13:20 Minuten. Bremm hat sich nun drei Rennen ausgesucht, die so stark besetzt sind, dass neue Bestleistungen möglich sind. Ein erster Versuch in den USA im Februar ging schief. In Boston geriet Bremm in einen Schlafwagenlauf und schaffte nur 13:39 Minuten.
Beim Meeting Iberoamericano de Atletismo in Huelva (Spanien) am 30. April ist das voraussichtlich ganz anders. Hier finden sich Läufer mit Meldezeiten im Bereich der Olympianorm (13:05) in der Startliste. Auf ähnlich starke Konkurrenz hofft Bremm bei den Rennen am 19. Mai in Rehlingen und am 26. Mai in Brüssel. Zwischendurch läuft er am 11. Mai in Karlsruhe 1500 Meter, quasi als Tempotraining.
Spätestens Ende Mai steht dann auch fest, ob Bremm bei der EM in Rom im Juni starten darf. Die Konkurrenz hat bereits vorgelegt. Bei der Diamond-League-Veranstaltung in Xiamen (China) lief der Dortmunder Mohamed Abdilaahi, den Bremm in der Halle in Leipzig noch klar besiegt hatte, 13:18,45 Minuten. Sam Parsons (SCC Berlin) kam auf 13:20,32 Minuten.
Wer sich dafür interessiert, wo und wie schnell Bremm unterwegs ist, findet detaillierte Informationen in einer App. „Zu 99 Prozent“ teilt Bremm, der für den LSC Höchstadt startet und von der Spitzensportförderung der Polizei profitiert, auf Strava seine Trainingseinheiten, samt Strecke, Tempo und weiteren Daten.
Er möchte als Leistungssportler transparent sein, andere legen die Karten nicht so offen auf den Tisch. „Wer mir nachtrainieren will, kann das gerne tun“, sagt Bremm. Wer Ende April damit angefangen hat, hat Glück. In den ersten vier Tagen der Woche waren es nur knapp 70 Kilometer, von insgesamt 2384 Kilometern, die Bremm in diesem Jahr schon gerannt ist. Eine typische Einheit in der Ruhewoche sind fünfmal 1200 Meter mit einer Pace von 2:30 Minuten.