Veröffentlicht am 04.07.2022 16:03

Woody Allens Hommage an den europäischen Film

Woody Allen bringt einen neuen Film ins Kino. (Foto: Ian Langsdon/EPA/dpa)
Woody Allen bringt einen neuen Film ins Kino. (Foto: Ian Langsdon/EPA/dpa)
Woody Allen bringt einen neuen Film ins Kino. (Foto: Ian Langsdon/EPA/dpa)

Mit 86 Jahren steht Allen weiter unbeirrt hinter der Kamera. Allein in den zurückliegenden zehn Jahren brachte er ebensoviele Filme ins Kino, darunter preisgekrönte Werke wie „Midnight in Paris“ (2012) und „Blue Jasmine“ (2013).

Doch sein Spätwerk wird von früheren Missbrauchsvorwürfen überschattet. Allens Adoptivtochter Dylan Farrow (36) hatte 2018 im Zuge der „Time's Up“- und „MeToo“-Bewegung erneut Vorwürfe gegen den Regisseur vorgebracht, sie sei als Siebenjährige im Elternhaus von ihm missbraucht worden.

Weltpremiere 2020 in San Sebastián

Allen hat die Vorwürfe stets zurückgewiesen, ein Gericht gab ihm vor Jahrzehnten weitgehend recht. Doch einige Schauspieler, darunter Colin Firth, Mira Sorvino und Greta Gerwig, sind in den letzten Jahren zu dem vierfachen Oscar-Preisträger auf Distanz gegangen. Die Fangemeinde ist zusammengeschrumpft, seine Filme sind schwieriger im Kino zu vermarkten. An seine früheren Kassenerfolge kann der Regisseur von Meisterwerken wie „Der Stadtneurotiker“ und „Manhattan“ längst nicht mehr anknüpfen.

Nichtsdestotrotz bleiben Allens neue Projekte natürlich nicht unbeachtet. „Rifkin's Festival“ feierte seine Weltpremiere 2020 auf dem San Sebastián Film Festival. Sinnigerweise - denn in dem spanischen Ort spielt der Film.

Sein 50. Regieprojekt führt den amerikanischen Regie-Altmeister also wieder nach Europa - und an einen für Allen urtypischen Ort: In der Praxis seines Psychotherapeuten lamentiert der New Yorker Filmdozent Mort Rifkin (Wallace Shawn), dass er seine Frau, die PR-Agentin Sue (Gina Gershon), zum Filmfestival ins spanische San Sebastián begleiten musste. Sue sei in ihren jüngeren Klienten, einen „Schwachsinns“-Regisseur, verknallt, jammert der eifersüchtige Gatte. Und so reist er als Aufpasser und lästiges Anhängsel ins sonnige Spanien mit. 

Shawn (78), der schon in Allen-Klassikern wie „Manhattan“, „Radio Days“ oder „Schatten und Nebel“ mitspielte, ist durch und durch eine Allen-Figur: leicht neurotisch und hypochondrisch, an einer Schreibblockade leidend und von Fragen nach dem Sinn des Lebens geplagt. Eigentlich die perfekte Rolle für Allen selbst, doch es ist zehn Jahre her - in „To Rome with Love“ (2012) - dass der jetzt 86-jährige Regisseur in einem seiner eigenen Filme mitspielte.

Die romantische Komödie setzt den baskischen Badeort im Norden Spaniens perfekt in Szene: malerische Strände, bunte Märkte, prächtige Hotels. Das fangen die poetischen Bilder von Kameramann Vittorio Storaro schwelgerisch ein. Der mit drei Oscars prämierte italienische Altmeister („Apocalypse Now“, „Der letzte Kaiser“) hatte für Allen auch schon „Café Society“, „Wonder Wheel“ und „A Rainy Day in New York“ gedreht.

Sichtlich genervt von dem eitlen, gefeierten Jung-Regisseur Phillipe (Louis Garrel), der hemmungslos mit seiner Agentin Sue flirtet, flüchtet sich Mort in seine eigenen Wehwehchen. Herz- und Ohrenschmerzen bringen ihn in die Praxis der attraktiven Ärztin Jo (Elena Anaya), die wie Mort für französische Filmklassiker schwärmt und der eigene Ehesorgen mit einem untreuen Künstler (Sergi López) zu schaffen machen. 

Humor und Herzschmerz

Der Plot bietet reichlich Stoff für Humor, Herzschmerz und sinnierende Gespräche, auch wenn „Rifkin's Festival“ der Tiefgang von Allens früheren Meisterwerken fehlt. Die Stärke des Films liegt in den eingestreuten Schwarz-Weiß-Szenen, in denen der Regisseur und Drehbuchautor das europäische Kino feiert. Mort verliert sich im Schlaf und in Tagträumen in der Filmwelt von Regie-Meistern wie François Truffaut, Luis Buñuel, Jean-Luc Godard oder Ingmar Bergman.

In einer Szene, dem Godard-Thriller „Außer Atem“ nachempfunden, träumt Mort von einer Dreiecksbeziehung - mit seinem New Yorker Fazit, für ihn als „Mittelklasse-Jude aus der Bronx“ sei das doch zu unkonventionell. Oscar-Preisträger Christoph Waltz („Inglourious Basterds“) taucht in einer Hommage an Bergmans Drama „Das siebente Siegel“ von 1957 in einer Sequenz auf. In seiner Gastrolle als der Tod, im schwarzen Kapuzenmantel, rät er Mort zu mehr Sport und gesunder Ernährung. Allens ironischer Humor kommt hier voll zum Tragen, während er die Magie des klassischen Films liebevoll zelebriert.

Rifkin's Festival, USA/Spanien/Italien 2020, 92 Minuten, FSK ab 12, von Woody Allen, mit Wallace Shawn, Gina Gershon, Elena Anaya, Louis Garrel, Christoph Waltz

© dpa-infocom, dpa:220630-99-857778/4

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