Veröffentlicht am 16.08.2022 03:30

Ursache für Oder-Fischsterben weiter unklar

Mit einer Sperre, die von der Feuerwehr verlegt wurde, werden die toten Fische gesammelt. (Foto: Patrick Pleul/dpa)
Mit einer Sperre, die von der Feuerwehr verlegt wurde, werden die toten Fische gesammelt. (Foto: Patrick Pleul/dpa)
Mit einer Sperre, die von der Feuerwehr verlegt wurde, werden die toten Fische gesammelt. (Foto: Patrick Pleul/dpa)

Eine Woche nach Entdeckung Tausender toter Fische in der Oder ist die Ursache für das massenhafte Sterben weiter unklar. Die EU-Kommission hat unterdessen den Behörden in Deutschland und Polen bei den Untersuchungen Unterstützung angeboten.

„Wir sind bereit, mit allen Mitteln zu helfen bezüglich Expertise und Informationenaustausch mit anderen Ländern, um Antworten und Lösungen zu finden“, sagte eine Kommissionssprecherin in Brüssel. Man sei mit den Behörden beider Länder in Kontakt.

Am Nachmittag sprach Umweltkommissar Virginijus Sinkevičius mit Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne). Man müsse Verschmutzungen so früh wie möglich und auch besser erkennen und koordiniert auf länderübergreifende Fälle reagieren, schrieb er danach auf Twitter. Sinkevičius habe auch mit der polnischen Umweltministerin Anna Moskwa telefoniert, sagte ein Sprecher.

Keine auffälligen Metall-Werte

Das Brandenburger Landesumweltamt hat inzwischen erste Laborergebnisse ausgewertet. Die am Montagabend vom Landeslabor Berlin-Brandenburg in einer ersten Tranche übermittelten Ergebnisse hätten keine besonders hohen Werte für Metalle wie Quecksilber gezeigt, hieß es vom Ministerium. Eine einzelne Ursache für die Umweltkatastrophe lasse sich nicht erkennen.

Auf der Website des Landesumweltamts lässt sich ablesen, dass sich die Werte im Fluss vom 7. August an dramatisch veränderten. So schnellten der Sauerstoffgehalt, der pH-Wert, die Trübung und andere Werte schlagartig nach oben, während die Menge von Nitrat-Stickstoff deutlich abfiel.

Polen: Fast hundert Tonnen tote Fische geborgen

Die polnische Feuerwehr hat nach eigenen Angaben bislang fast hundert Tonnen toter Fische aus dem Grenzfluss und einem kleineren Fluss geborgen, der keine Verbindung zur Oder hat. Auch in Brandenburg sammelten Helfer die Fischkadaver an der Oder ein. Die verendeten Tiere werden in speziellen Verbrennungsanlagen vernichtet. Über die in Deutschland eingesammelten Mengen gab es noch keine Angaben.

Nach Angaben von Polens Regierung sind bislang keine toxischen Substanzen entdeckt worden, die das Fischsterben verursacht haben. In den Proben toter Fische seien zudem keine Hinweise auf Pestizide gefunden worden, sagte Umweltministerin Anna Moskwa.

Die Ministerin sagte weiter, bei den Untersuchungen zu den Ursachen des Massenfischsterbens würden derzeit drei Hypothesen in Betracht gezogen. Die erste Hypothese ist das mögliche Eindringen eines giftigen Stoffes ins Wasser, entweder beim Produktionsprozess in einem an der Oder ansässigen Industriebetrieb oder durch eine illegale Einleitung in den Fluss.

Die zweite Hypothese besagt, dass die Ursachen natürlicher Natur waren: hohe Temperaturen, niedrige Wasserstände und erhöhte Schadstoffkonzentrationen. Die Umweltbehörde untersuche alle Umstände, die den hohen Salzgehalt und die hohe Wassertemperatur erklären könnten, so Moskwa.

Die dritte Option, die untersucht werde, sei die Einleitung einer großen Menge chlorhaltigen Brauchwassers in die Oder. Chlor könne möglicherweise eine Verschmutzung der Bodensedimente auslösen, sagte die Ministerin.

Auch südlich der Hafenstadt Stettin sind mittlerweile nach Angaben polnischer Behörden in Kanälen, die mit der Oder verbunden sind, tote Fische gefunden worden. Dies bedeute, dass sich die verseuchten Wassermassen auf Stettin zubewegten, sagte der Chef der Gebietsadministration für die Woiwodschaft Westpommern, Zbigniew Bogucki.

Nördlich von Stettin liegt das Stettiner Haff. Die Oder mündet in das Haff, das mit rund 900 Quadratkilometern etwa doppelt so groß ist wie der Bodensee. Es gehört zu zwei Dritteln zu Polen. Von dort verlaufen Wasserverbindungen zur Ostsee.

Tourismusbranche blickt mit Sorge auf Fischsterben

Die Tourismusbranche in der Haff-Region im östlichen Mecklenburg-Vorpommern blickt mit Sorge auf das Fischsterben. „Es ist eben noch eine Situation, in der sehr vieles unklar ist“, sagte der Geschäftsführer des Landestourismusverbands, Tobias Woitendorf. Die Landesregierung in Schwerin rät vorsichtshalber vom Baden im Stettiner Haff ab. Gesundheitliche Risiken könnten bislang nicht ausgeschlossen werden. Auch vom Angeln, Fischen und der Wasserentnahme haben Behörden abgeraten.

Der Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus (SPD), sagte am Dienstag: „Bislang wurden im deutschen Teil des Stettiner Haff keine toten Fische gesichtet“. Nach seinen Informationen stehe die Welle mit Fischkadavern noch vor Stettin. Im Moment setze man alles daran, dass kein toter Fisch im Stettiner Haff ankommt. Wasseruntersuchungen im Haff hätten bisher keine Auffälligkeiten ergeben. Ohne Kenntnis des Auslösers handele es sich um die „sprichwörtliche Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen“, gab er zu bedenken. Es könne auch passieren, dass etwaige Schadstoffe im Haff so verdünnt würden, dass sie nicht mehr nachzuweisen seien.

© dpa-infocom, dpa:220816-99-400253/12

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