Messe Spiel'22: Brettspiele als Ventil für die Gesellschaft

Das Spiel „Kuschel Kolonien“ von Smart Games wird auf der Messe Spiel'22 von einer Fachbesucherin getestet. (Foto: Roland Weihrauch/dpa)
Das Spiel „Kuschel Kolonien“ von Smart Games wird auf der Messe Spiel'22 von einer Fachbesucherin getestet. (Foto: Roland Weihrauch/dpa)
Das Spiel „Kuschel Kolonien“ von Smart Games wird auf der Messe Spiel'22 von einer Fachbesucherin getestet. (Foto: Roland Weihrauch/dpa)

Krieg in Europa, Klimakrise, explodierende Energie- und Lebensmittelpreise, Pandemie, gesellschaftliche Debatten um Zusammenhalt und Vielfalt. Themen, die vielen Menschen unter den Nägeln brennen, die Sorgen und Verunsicherung verursachen.

Zur internationalen Leitmesse Spiel'22 zeigt sich: In der Brettspielnation Deutschland können Karten, Würfel, fiktive Abenteuer oder Rätselaufgaben auch als Ventil dienen, zu einer kurzen Flucht aus dem Alltag verhelfen. Zugleich machen aber Gesellschaftsspiele um aktuelle Probleme und anstehende Herausforderungen keinen Bogen, sagen Player zum Messestart in Essen.

Energiethemen finden sich in der Spielwelt wieder

„Spiele sind Kulturgut und greifen - wie jedes Medium - reale Herausforderungen und Konflikte auf“, sagt Jens Junge, Leiter des Instituts für Ludologie (Spielwissenschaft) an der SRH University Berlin. So finden sich etwa Energiethemen vielfach in der Spielwelt wieder - früher ging es um das Erschließen neuer Ölquellen, heute um Wind- und Solarenergie, wie Junge schildert. Bei „Kyoto“ sitzen sich Spielerinnen und Spieler als Vertreter in der Klimakonferenz gegenüber. Und im Brettspiel „Keep Cool“ - gesponsort vom Auswärtigen Amt - ist zwischen erneuerbaren Energien und fossilen Quellen zu wählen. Bei „Powerline“ gilt es, Städte mit grünem Strom zu versorgen.

„Spiel ist Dialog mit der Welt“, unterstreicht Jens Junge. Die Branche nehme auch Bedürfnisse einer Gesellschaft auf. Die Debatte um Geschlechtergerechtigkeit klinge mitunter an - so beim „Super Frauen Bingo“ oder „Little Feminist“, das mutige, bedeutende Frauen in den Mittelpunkt stelle. Auch bei Diskriminierung und Rassismus wachse die Sensibilität auf der Angebotsseite.

Spiele müssen aber vor allem Spaß machen, kommen sie allzu belehrend daher, können sie kaum auf breite Abnehmerschaft hoffen, betont Historiker Lukas Boch von der Uni Münster. Das gemeinsame Spielen könne Erholung und Ermutigung bringen. „Man kommt am Spieltisch direkt in die Interaktion mit dem Gegenüber und auch über das Spiel hinaus ins Gespräch.“ Zugleich sieht Boch eine „politische“ Komponente, da Spiele auch immer Abbild gesellschaftlicher Werte und Vorstellungen seien. „Brettspiele sind kulturelle Artefakte, die als solche aktuelle Themen ihrer Entstehungszeit aufgreifen und verhandeln.“ Eine größere Zahl neuer Spiele kreisten nun um Fragen von Umwelt-, Natur- und Tierschutz und Nachhaltigkeit.

Mentale Verarbeitung des Ukraine-Kriegs

Aktuell rücke angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine auch das Brettspiel „Rurik. Dawn of Kiev“ (2019) stärker in den Fokus, beobachten die beiden Forscher aus Berlin und Münster. Ziel ist die Verteidigung eines osteuropäischen Königreichs im 11. Jahrhundert. Womöglich habe das mit der mentalen Verarbeitung des realen Kriegs in der Ukraine zu tun, sagt Junge.

In Essen werden wieder Hunderttausende Brettspielbegeisterte aus vielen Ländern erwartet. Mehr als 1800 Neuheiten haben die angereisten 980 Spieleverlage aus 56 Nationen im Gepäck. Die Szene ist bunt, vertreten sind alle Altersschichten und unterschiedliche Bildungshintergründe, weiß Lukas Boch. Trotz einer „einzigartigen Brettspielkultur“ in Deutschland sieht er bei analogen Spielen aber noch eine gewaltige Forschungslücke.

Gesellschaftsspielen komme ein wachsender Stellenwert „als sinnvolle, kreative und auch ein bisschen herausfordernde Freizeitbeschäftigung“ zu, beschreibt Hermann Hutter vom Branchenverband Spieleverlage. Und: „Gerade in dieser unsicheren Zeit geben Spiele einen gewissen Halt und bringen Freunde und Familie generationenübergreifend zusammen.“ Auch wenn es nach den vergangenen Boomjahren nun in den ersten Monaten 2022 einen leichten Umsatzrückgang gegeben habe, sei das Interesse ungebrochen hoch.

Klimaschutz bei Verlagen ebenfalls im Fokus

In Zeiten größerer Ungewissheit gebe es einen Trend zum „Cocooning“ - einen Rückzug ins Private, ein Abschirmen vor der subjektiv als zunehmend bedrohlich empfundenen Welt, berichtet Dominique Metzler vom Messeveranstalter, dem Friedhelm Merz Verlag. Verlockend sei: „Man kann einfach mal alles andere für einen Moment ausblenden.“ Der Klimaschutz komme nicht nur aufs Spielbrett, sondern immer mehr Verlage seien bemüht, „ihren ökologischen Fußabdruck zu verbessern und noch mehr umweltfreundliche Materialien zu verwenden“.

Konkreter Blick auf die neueren Spiele: Mal geht es um die Rettung von Delfinen und Schildkröten aus Fangnetzen, mal um die Aufforstung eines Waldschutzgebietes in Ghana mit Hilfe von Flughunden. Am Beispiel des Kinderspiels „Baumkronen“ zeigt sich nach Worten von Junge: „Da kommt niemand mit dem Holzhammer. Sondern das Spiel sorgt indirekt für ein Grundverständnis beim Nachwuchs, was wir für eine gesunde Umwelt brauchen.“ Er fordert eine Aufwertung der Brettspiele: „Sie sollten als wichtige Kulturerzeugnisse endlich - wie auch Musik und Bücher - in die Nationalbibliothek aufgenommen werden.“

© dpa-infocom, dpa:221006-99-25679/2

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