Veröffentlicht am 03.05.2022 17:34

Medien: Sturm auf Stahlwerk in Mariupol hat begonnen

Rauch steigt aus dem Stahlwerk Azovstal in Mariupol auf. Noch immer harren hier Kämpfer und Zivilisten aus. (Foto: -/AP/dpa)
Rauch steigt aus dem Stahlwerk Azovstal in Mariupol auf. Noch immer harren hier Kämpfer und Zivilisten aus. (Foto: -/AP/dpa)
Rauch steigt aus dem Stahlwerk Azovstal in Mariupol auf. Noch immer harren hier Kämpfer und Zivilisten aus. (Foto: -/AP/dpa)

In der heftig umkämpften ukrainischen Hafenstadt Mariupol haben russische Truppen Medienberichten zufolge mit der Erstürmung des belagerten Stahlwerks Azovstal begonnen.

„Die ganze Nacht haben sie uns aus der Luft bombardiert (...) und jetzt wird Azovstal gestürmt“, zitierte etwa die Zeitung „Ukrajinska Prawda“ am Dienstag den Vizekommandeur des ukrainischen Asow-Regiments, Swjatoslaw Palamar. Bei den jüngsten russischen Angriffen seien auch zwei Zivilisten getötet worden, sagte Palamar demnach.

Von russischer Seite gab es zunächst keine offizielle Bestätigung. Die staatliche Nachrichtenagentur Ria Nowosti meldete jedoch unter Berufung auf einen Sprecher des Verteidigungsministeriums, auf dem Werksgelände verschanzte Asow-Kämpfer hätten eine Feuerpause genutzt, um an ihre Schießpositionen zurückzukehren. Diese würden nun mit Artillerie und aus der Luft attackiert.

Auf dem Werksgelände sollen neben ukrainischen Kämpfern auch noch rund 200 Zivilisten festsitzen. Am Wochenende waren zwar mit internationaler Hilfe mehr als 120 Menschen gerettet worden. Eine weitere geplante Evakuierungsaktion am Montag scheiterte jedoch.

Gerettete berichten von Todesangst

Mehr als 150 Kinder, Frauen, Kranke und Ältere sind nach einer wochenlangen Tortur in den Bunkern des belagerten ukrainischen Stahlwerks in die Freiheit gelangt. Ein von humanitären Helfern organisierter Konvoi, dem das russische Militär freies Geleit zugesagt hatte, erreichte aus Mariupol kommend heute die Stadt Saporischschja rund 230 Kilometer weiter nordwestlich. Viele Menschen hätten nach zwei Monaten in den Bunkern erstmals wieder Tageslicht gesehen, teilte die Ukraine-Beauftragte des UN-Nothilfebüros (OCHA), Osnat Lubrani, mit.

Lubrani berichtete von emotionalen Momenten während der gefährlichen Reise. Ein sechs Monate altes Baby habe mit einem Grashalm gespielt, „das erste Mal in seinem Leben“, wie dessen Mutter ihr gesagt habe. Aus dem Stahlwerk Gerettete hätten vor Freude geweint, als sie Verwandte wiedersahen, die in einem anderen Bunker Zuflucht gefunden hatten und von denen sie wochenlang nicht wussten, ob sie die verheerenden Bombardierungen überlebt hatten.

„Mütter, Kinder und Großeltern haben von dem Trauma erzählt, Tag für Tag unter unerbittlichem Beschuss und mit Todesangst zu leben“, berichtete Lubrani. Es habe im Stahlwerk kaum Wasser oder Nahrungsmittel und völlig unzureichende Sanitäranlagen gegeben. Die Menschen seien durch die Hölle gegangen. Das russische Militär bombardiert die ukrainische Hafenstadt Mariupol seit Wochen und hat sie weitgehend in Schutt und Asche gelegt.

127 Menschen im Konvoi

Unter den Geretteten waren nach Angaben von OCHA auch 58 Menschen aus der Ortschaft Manhusch. Insgesamt seien 127 Menschen mit dem Konvoi in Saporischschja angekommen. Nicht alle seit Freitag aus dem Stahlwerk Geretteten hätten sich dem Konvoi angeschlossen. Der Leiter des ukrainischen Präsidialamts, Andrij Jermak, sprach von 156 Zivilisten aus Mariupol und Umgebung, die am Dienstag in Saporischschja angekommen seien.

Einige der Ankommenden seien verletzt, berichtete das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), das den Konvoi mit Autos mit weißen Fahnen und rotem Kreuz darauf begleitet hatte. „Es ist eine riesige Erleichterung, dass einige Zivilisten, die wochenlang gelitten haben, nun draußen sind“, sagte IKRK-Präsident Peter Maurer.

Lubrani zeigte sich besorgt, dass Menschen anderswo in den von Russland angegriffenen Gebieten in einer ähnlich schwierigen Lage seien. Die Vereinten Nationen täten alles, um weitere Konvois zu organisieren. Zahlreiche Rettungsversuche waren in den vergangenen Wochen gescheitert, weil es keine Sicherheitszusagen gab. Auch müssten die weiterhin in den zerbombten Gebäuden in Mariupol ausharrenden Menschen dringend mit Wasser, Nahrung und anderen lebenswichtigen Gütern versorgt werden.

r Evakuierungsversuch

Die Ukraine bereitet sich derweil auf eine weitere Evakuierung vor. Als Treffpunkt für den Transport nannte die Gebietsverwaltung von Saporischschja in der Nacht ein großes Einkaufszentrum im Westen von Mariupol. Es liegt aber mehrere Kilometer entfernt vom Stahlwerk Azovstal.

„Die Evakuierung findet mit Unterstützung der UN und des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz statt“, teilte Gouverneur Oleksandr Staruch auf Telegram mit. Mariupol zählte vor dem russischen Angriffskrieg etwa 400.000 Einwohner. Nach Schätzungen harren noch 100.000 Menschen in der weitgehend zerstörten Stadt aus.

© dpa-infocom, dpa:220503-99-143034/5

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