Veröffentlicht am 04.12.2022 09:06

Krise als Chance - „Mad World“ von Gentleman

Gentleman hatte genug von all der Hektik. (Foto: Britta Pedersen/dpa)
Gentleman hatte genug von all der Hektik. (Foto: Britta Pedersen/dpa)
Gentleman hatte genug von all der Hektik. (Foto: Britta Pedersen/dpa)

Der Kölner Reggaestar Gentleman (48) hat einen Tapetenwechsel gebraucht. Er reiste nach Mallorca und produzierte dort sein neues Album „Mad World“. Er fand an diesem Ort ein Stück Seelenfrieden, wie er der Deutschen Presse-Agentur sagte - fernab der Großstadt: „Diese Hektik, dieser Stau und dieses Angucken für jede Kleinigkeit. Ich hatte auch das Gefühl, alle sind nur noch genervt und rennen nur noch irgendetwas hinterher.“

Gentleman, der mit bürgerlichem Namen Tilmann Otto heißt, klingt dabei wütend und das war auch, wie er sagt. Wut sei per se aber ja nicht schlecht. Denn die bringe Veränderungen mit sich, sie habe ihm gewissermaßen geholfen, das Album zu schreiben. Außerdem habe alles im Leben seine zwei Seiten, sagt er. Zu jedem Schatten gehöre ein Licht.

Diese Überzeugung ist der Grundpfeiler auf „Mad World“ und Gentlemans Quelle für die Zuversicht, dass das Gute im Leben siegen wird. „Es klingt immer so nach Floskel, aber ich glaube auch schon, dass in jeder Krise auch immer eine Chance ist.“

Das göttliche Empfinden

Auf dem Lied „Things Will Be Greater“ etwa bringt er einerseits seinen Zorn über die sozialen Medien zum Ausdruck. Andererseits wiederholt der Reggaestar wie in einem Mantra: „Haltet den Glauben fest/ Alles, was du tun musst, ist, deinen Kopf hochzuhalten“ - dann geht es besser, es wird leichter.

Gentleman ist Sohn eines Pastors. Daher erscheint es fast logisch, dass der Glaube ihm Zuversicht und Hoffnung schenkt. Aber wie hält der Musiker es denn tatsächlich mit der Religion? „Ich glaube schon an das göttliche Empfinden. Immer wenn ich eine Gänsehaut kriege oder wenn ich mir einen Sonnenuntergang bewusst mache, dann hat das etwas Großes. Ich glaube auch an eine Kraft, die irgendwie alles zusammenhält, aber Religion kam mir sehr früh ziemlich fremd vor.“

Das neue Album des 48-Jährigen ist musikalisch im klassischen Reggae-Sound gehalten. Gentleman erfindet sich hier nicht neu, wie etwa auf dem vorherigen Album „Blaue Stunde“, auf dem er zum ersten Mal komplett auf Deutsch zu hören war.

Zuversicht in einer verrückten Welt

Der gleichnamige Song zum Albumtitel „Mad World“ sticht dennoch hervor und ist zweifellos der Höhepunkt der Platte. Das Produzenten-Team Jugglerz verwendete dafür den Original-Song „Mad World“ der britischen Pop-Band Tears for Fears aus dem Jahr 1982 als Sample.

Ältere Songs in einem neuen Kontext passend zur eigenen Vision einzusetzen, ist gerade Trend im Musikgeschehen. Songs wie „Beautiful Girls“ von Luciano, der sich von Sean Kingston dafür inspirieren ließ, oder „Powerade“ von Ion Miles, der Teile des MGMT-Hits „Kids“ verwendete, hielten sich in diesem Jahr lange in den Charts.

„Das fand ich ganz interessant, dass man nicht einfach einen Song covert, sondern einen Teil davon nimmt. Ich glaube, die große Herausforderung war, dass man den Song auch wiedererkennt“, sagt Gentleman dazu. Und genau so ist es. Der wesentliche Unterschied zur Gentleman-Version im Vergleich zum Klassiker von Tears for Fears aus dem Jahr 1982: Während das Original von großer Trostlosigkeit erzählt, vermag der „Mad World“-Song von Gentleman auch hier einen Funken Zuversicht zu versprühen.

© dpa-infocom, dpa:221202-99-756179/4

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