Veröffentlicht am 20.05.2022 05:50

Der Stromschlucker in Stade und das unbeachtete LNG-Terminal

Die Fläche vor dem Industriepark Stade ist Teil der zukünftigen Hafenerweiterung für das geplante Import-Terminal für Flüssigerdgas. (Foto: Sina Schuldt/dpa)
Die Fläche vor dem Industriepark Stade ist Teil der zukünftigen Hafenerweiterung für das geplante Import-Terminal für Flüssigerdgas. (Foto: Sina Schuldt/dpa)
Die Fläche vor dem Industriepark Stade ist Teil der zukünftigen Hafenerweiterung für das geplante Import-Terminal für Flüssigerdgas. (Foto: Sina Schuldt/dpa)

Als Olaf Scholz nach dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs den Bau von zwei LNG-Terminals zur Einfuhr von Flüssigerdgas ankündigt, nennt der Kanzler zwei Standorte: Brunsbüttel und Wilhelmshaven sollen Deutschland unabhängiger machen vom Gas aus Russland.

Doch im Schatten dieser Projekte wird auch im niedersächsischen Stade ein LNG-Terminal vorbereitet - vor der Haustür von einem der größten Stromschlucker des Landes.

Denn in Stade unterhält das US-Chemieunternehmen Dow einen wichtigen Standort. Rund drei Millionen Tonnen Chemikalien werden dort nach Firmenangaben jedes Jahr produziert. Das kostet Energie. Viel Energie. Nach eigenen Angaben verbrauchte Dow in Stade im Jahr 2020 rund 4,5 Terawattstunden Strom. Das entspricht 0,8 Prozent des deutschen Stromverbrauchs - oder dem Jahresverbrauch von rund einer Million Privathaushalten.

Regionale Energiebranche

Zwar bezieht Dow selbst kein Gas direkt aus Russland. Doch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil wittert in der Kombination aus Küste und Industrie einen Standortvorteil für sein Land. Der Aufbau der neuen LNG-Infrastruktur ist schließlich auch ein Wirtschaftsfaktor. Vertreter der regionalen Energiebranche sprechen schon von Niedersachsen als neuem Ruhrgebiet, nur in sauber.

„Theoretisch könnten wir in Niedersachsen bis 2025 so viele Terminals betriebsbereit machen, dass 100 Prozent des russischen Gases in der Bundesrepublik kompensiert werden können“, rückte SPD-Politiker Weil sein Land vor einigen Wochen schon mal ins rechte Licht. Mit Wilhelmshaven hat Niedersachsen ein Terminal schon fest an der Angel. Doch dabei soll es nicht bleiben, findet Weil. „Stade hat den ganz großen Vorteil, dass es fast unmittelbar schon angebunden ist an das allgemeine Netz und ein Prozent des deutschen Stromverbrauchs bei Dow Chemical direkt hinterm Deich liegt.“

Hinterm Deich, das heißt: an einem Seehafen rund 50 Kilometer westlich von Hamburg und inmitten eines Industrieparks, in dem neben den 1100 Mitarbeitern von Dow noch 800 weitere Menschen in der Chemieindustrie arbeiten. Einer Branche, in der die energieintensive Produktion von Dow keine Ausnahme ist. Dem Verband der Chemischen Industrie (VCI) zufolge gehen mehr als 10 Prozent des deutschen Stromverbrauchs auf das Konto von Chemie und Pharma, beim Gasverbrauch sind es sogar 15 Prozent.

Unterstützung aus Berlin

Und wo viel verbraucht wird, muss auch viel ankommen, so die Argumentation der Niedersachsen. Eine Logik, die mittlerweile auch in Berlin Unterstützung findet. Stade sei jedenfalls ein geeigneter Standort für LNG-Importe, erklärte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck jüngst. „Die Betreiber dort arbeiten konsequent und drücken das Projekt enorm nach vorne. Ich gehe davon aus, dass auch Stade ein LNG-Standort werden wird“, sagte der Grünen-Politiker nach einem Besuch des LNG-Projekts in Wilhelmshaven.

Zunächst sei es aber um die Entscheidung gegangen, wo die ersten beiden LNG-Schiffe anlegen, die im Dezember ankommen sollen. „Da haben wir die beiden Standorte genommen, die am weitesten vorne sind. Das sind im Moment Wilhelmshaven und Brunsbüttel“, sagte Habeck.

Geplant wird das LNG-Terminal in Stade von einem privaten Konsortium, an dem seit April auch Dow beteiligt ist. Ziel der Partner ist es, von 2026 an 15 Prozent des deutschen Gasbedarfs „durch LNG sowie kohlenstoffarme Energieträger wie Bio-LNG und synthetisches Erdgas“ abzudecken. Mit einer Kapazität von mehr als 13 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr soll der sogenannte Hanseatic Energy Hub dann einen Beitrag zur Diversifizierung des deutschen Energiebedarfs leisten. Mit anderen Worten: Die Abhängigkeit von einzelnen Energieträgern und Herkunftsländern soll sinken.

Stade-Terminal als Hoffnungsträger

Das Terminal sei dabei auch ein „Baustein der Energiewende“, sagte die Präsidentin von Dow Deutschland, Katja Wodjereck. „Das Flüssiggasterminal wird von Anfang an so geplant, dass es die Kapazitäten für LNG erweitern könnte und potenziell andere Flüssiggase anlanden kann.“ Andere Gase wie etwa Wasserstoff, der mit Strom aus erneuerbaren Quellen auch klimafreundlich sein kann und somit auch politisch als Hoffnungsträger für die Energiewende gilt.

Dow selbst bezeichnet sich bei der Gewinnung und Nutzung von Wasserstoff schon jetzt als „deutschlandweit führend“ - in seinen Elektrolyse-Anlagen stelle das Unternehmen pro Jahr bereits rund 50 000 Tonnen des Energieträgers her. Mit grüner Energie kann man sich dieser Tage schließlich gut schmücken, auch als Chemieriese, der früher als Hersteller der für Chemiewaffen eingesetzten Stoffe Napalm und Agent Orange in der Kritik stand.

Ein Klimaschutzprojekt sind die LNG-Terminals indes beileibe nicht, das räumt selbst Habecks Wirtschafts- und Klimaschutzministerium ein. Denn in den nächsten Jahren wird es vor allem Flüssigerdgas sein, das über die neuen Terminals nach Deutschland kommt - fossiles Gas also, zum Teil gar aus dem umstrittenen Fracking gewonnen. Das dürfte für Stade ebenso gelten wie für Brunsbüttel und Wilhelmshaven.

© dpa-infocom, dpa:220520-99-361468/2

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