Veröffentlicht am 17.08.2022 15:33

Der größte Feind der Wildkatze schmust gerne auf dem Sofa

Der größte Feind der Wildkatze? Ausgerechnet der zahme Kuschelkater, der Deutschen liebstes Haustier. (Foto: Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa)
Der größte Feind der Wildkatze? Ausgerechnet der zahme Kuschelkater, der Deutschen liebstes Haustier. (Foto: Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa)
Der größte Feind der Wildkatze? Ausgerechnet der zahme Kuschelkater, der Deutschen liebstes Haustier. (Foto: Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa)

Lange war die Wildkatze in Baden-Württemberg verschwunden; bis vor 15 Jahren galt sie sogar durch Jagd, schrumpfenden Lebensraum und Krankheiten als fast ausgestorben. Mittlerweile ziehen wieder Hunderte vor allem durch die Rheinebene, bundesweit soll es mehr als 6000 Exemplare geben.

Ihr größter Feind unterwegs? Ausgerechnet der zahme Kuschelkater, der Deutschen liebes Haustier. Denn wenn sich die Wege der beiden Arten kreuzen und sich zwei der Tiere paaren, bringt eine Wildkatze sogenannte Hybride zur Welt. Zunehmend könnte auf diesem Weg der Genpool der geschützten Europäischen Wildkatzen (Felis silvestris silvestris) so sehr verdünnt werden, dass es im Laufe der Zeit kaum noch echte Exemplare gibt.

Paarung mit Hauskatze kann zum Verschwinden der Art führen

„Häufen sich die Paarungen zwischen den zwei Arten, kann der Bestand der Europäischen Wildkatze immer mehr zurückgehen“, warnt Rudi Suchant, Wildtierökologe der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA). „Das kann bis zum völligen Verschwinden der Art führen.“

Durchaus nicht nur eine abstrakte Gefahr: In einigen Regionen Europas ist die Entwicklung bereits weit fortgeschritten, in Schottland soll es kaum noch echte Wildkatzen geben. Und auch in Baden-Württemberg ist die sogenannte Hybridisierung stärker ausgeprägt als zuletzt noch erwartet, sagt Suchant.

Vor allem Baden-Württemberg ist nach Angaben von Tierschützern betroffen. In den großen Waldgebieten wie in der Eifel, in Hessen und Teilen Thüringens seien zwar überwiegend noch echte, ebenso wilde wie einsame Wildkatzen unterwegs. In einigen Gebieten Baden-Württembergs hingegen sind in den letzten Jahren besorgniserregend viele Hybridkatzen genetisch nachgewiesen worden, wie die Wildkatzenbeauftragte des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Andrea Lehning, sagt.

Bei einem Monitoring mit Lockstöcken entlang des Oberrheins und am Kaiserstuhl stammten 50 Prozent der gefundenen Katzenhaare bereits von hybriden Exemplaren. Nach einer Studie des Frankfurter Senckenberg Instituts wird bundesweit eher davon ausgegangen, dass nur drei bis vier Prozent der Wildkatzen Spuren von Hauskatzen-DNA in ihrem Erbgut tragen.

Wildkatzen kommen Bauernhöfen oder Ortsrändern näher

Warum sind die heimischen Wildkatzen im Südwesten so wenig wählerisch im Vergleich zu anderen Regionen? Das könnte aus Sicht der BUND-Beauftragten daran liegen, dass es in der Rheinebene keine ausgedehnten Wälder gibt und die teils sehr weit umherstreifenden Wildkatzen deshalb Bauernhöfen oder Ortsrändern näher kommen. „Sie würden den Hauskatzen gerne aus dem Weg gehen, aber in Baden-Württemberg schaffen sie das nicht so richtig“, sagt Lehning.

Auch die Zahl der Wildkatzen kann etwas mit dem Grad der sogenannten Hybridisierung zu tun haben: Gibt es ausreichend Paarungspartner in der eigenen Art, sind sie in ihrer sogenannten Ranzzeit weniger anfällig für die kurzfristigen Liaisons mit der domestizierten Haus- oder einer streunenden freilebenden Katze.

Die BUND-Expertin und auch die FVA fürchten vor allem, dass durch die hohe Zahl hybrider Exemplare ursprüngliche Anpassungen der Katzen an die Umwelt verloren gehen könnten. Diese seien aber überlebenswichtig und sicherten auch die erfolgreiche Vermehrung in der Wildnis, betonen die Tierschützer.

Unliebsame Folgen auch bei Hauskatzen

Zwar überwiegt nach Ansicht der Experten der Genfluss von der Haus- zur Wildkatze. Aber auch bei den Hauskatzen könnte die Paarung an der frischen Luft für unliebsame Folgen sorgen. Denn die im Tierhandel wegen ihres exotischen Aussehens enorm populären Mischungen sind in den frühen Generationen noch genau das: mindestens halbe Wildkatzen.

Sie lassen sich kaum streicheln, gelten oft als aggressiver, sie markieren wie reine Wildkatzen in der Wohnung ihr Revier und hinterlassen mit ihren scharfen Krallen tiefe Kratzspuren an Möbeln und Wänden.

Für die Zucht und Haltung der Hybrid-Rassen gelten bis zur vierten Generation strenge Auflagen des Artenschutzrechtes, danach erst werden sie als eigenständige Rasse behandelt und können als Hauskatze gehalten werden.

BUND und Landestierschutzverband appellieren an die Besitzer der Hauskatzen: „Katzenhalterinnen und -halter tragen Verantwortung für ihre Katzen“, sagt die BUND-Landesvorsitzende Sylvia Pilarsky-Grosch.

Freigänger kastrieren oder sterilisieren lassen

Es sei wichtig, die Tiere kastrieren oder sterilisieren zu lassen, bevor die Katzen das erste Mal das Haus verließen. Das helfe nicht nur, die Zahl der derzeit schätzungsweise zwei Millionen, oft kranken und unterernährten Streunerkatzen zu begrenzen, die sich ebenfalls mit Wildkatzen paaren können. Es schütze auch die Wildkatzen.

In Baden-Württemberg ist das Kastrieren von sogenannten Freigängerkatzen allerdings bislang erst in 37 der insgesamt mehr als 1000 Kommunen per Katzenschutzverordnung vorgeschrieben. „Wenn sich freilebende Katzen draußen vermehren, wächst das Katzenelend“, sagt Martina Klausmann vom Landestierschutzverband, der seine Mitglieder seit vielen Jahren bei den Kastrierungen der Streuner unterstützt. Es sei ihr unerklärlich, warum sich Städte und Gemeinden nach wie vor einer solchen Verordnung verweigerten.

Auch Wildtierökologe Suchant fordert schärfere Vorgaben: „Wir müssen uns grundsätzlich überlegen, wie wir mit dem Phänomen Hauskatze umgehen“, sagt er. „Dazu gehört auch eine Kastrationspflicht.“

© dpa-infocom, dpa:220817-99-414974/5

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